Neue und innovative digitale Formate in der Erinnerungskultur und bei der öffentlichen Vermittlung des Nationalsozialismus müssen eine künftig noch größere Rolle als bisher spielen. Das gilt besonders für die Aufgabe, junge Altersgruppen in den gesellschaftlichen Diskurs um Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus einzubinden und ihre Aufmerksamkeit für Themen wie Holocaust und Verfolgung auch jenseits klassischer Bildungsstrukturen zu gewinnen.


Dabei dürften die Sozialen Netzwerke eine entscheidende Rolle spielen, denn nach Angaben von destatis nutzen 89 Prozent der 16- bis 24-jährigen Jugendlichen in Deutschland diese Plattformen durchschnittlich 84 Minuten täglich. Darüber hinaus belegen die „Grunddaten Jugend und Medien 2020 vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI)“, dass sich zwei Drittel der Altersgruppe „im Internet“ über das politische Geschehen in Deutschland und der Welt informiert. Das ist nicht verwunderlich, da mehr als 90 Prozent aller jungen Leute ein Smartphone und mehr als 70 Prozent ein Laptop oder Tablet besitzen. Hier heißt es also, der kommunikationswissenschaftlichen Empirie zu folgen, die da sagt: Sende deine Botschaften dorthin, wo sich deine Empfänger aufhalten – und wo sie dich verstehen.

Lernen heißt nicht gleich Wissen

Dabei ist besonders das „Verstehen“ wichtig, denn eine Studie des TV-Senders CNN (2019 zitiert auf stern.de) zeigt, „dass Lernen nicht gleich Wissen heißt“. So ergab die Untersuchung, dass rund 40 Prozent der deutschen Jugendlichen zwischen 18 bis 34 Jahren einräumen mussten, ‚wenig‘ oder ‚gar nichts‘ über den Holocaust zu wissen. 33 Prozent der Europäer schätzten ihr Wissen als ‚gering‘ ein.“

Wie kann das sein? Wie ist es möglich, dass beinahe die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland so gut wie nichts über ein Menschheitsverbrechen weiß, dass die eigene Geschichte, die Geschichte von Eltern und Großeltern und die Geschichte ihrer Heimat tief und unauslöschlich prägt? Wie kann das sein – bei all den Lehrplänen, Schulbüchern, Filmen, bei all dem öffentlichen Gedenken in Deutschland?

Geschichte – häufig kein eigenständiges Schulfach mehr

Dazu hat der „stern“ auch mit Patrick Siegele, der das Anne Frank Zentrum in Berlin leitet, gesprochen. Siegele berichtet, dass die Körber Stiftung bereits 2017 festgestellt hat, dass nur die Hälfte der 14- bis 16-jährigen wisse, was Auschwitz-Birkenau war. Was ihn allerdings auch nicht verwundere, da es beispielsweise in immer weniger Bundesländern („Bildung ist Ländersache“) in der Mittelstufe Geschichte als eigenständiges Schulfach gebe. Das habe natürlich Auswirkungen auf historisches Wissen.

Das mag eine der vielen Ursachen für die Tatsache sein, dass heute nicht wenige  Jugendliche hinsichtlich der jüngsten deutschen Zeitgeschichte alles andere als daten- und faktensicher sind. Siegele macht jedoch auf einen weiteren Punkt aufmerksam, der mir mindestens ebenso wichtig erscheint: „Jugendliche“, so sagt er, „haben ein Gespür dafür, ob es im Unterricht zur NS-Geschichte nur um die Erzeugung von Betroffenheit geht oder um Sinnstiftung für ihre Lebenswelt heute.“

Reflexion über die eigenen Werte

Und hier könnte sich ein Kreis schließen, denn wenn es richtig ist, dass sich zwei Drittel der jungen Altersgruppe „im Internet“ über das aktuelle und historische politische Geschehen informiert, dann finden Jugendliche auf diesen Plattformen auch einen erheblichen Teil der „Sinnstiftung für ihre Lebenswelt“. Dazu gehören zweifellos die Reflexion über Werte, Einstellungen und Grundhaltungen, die Bildung von sozialer Verantwortung und menschlicher Empathie, ein Bewusstsein über den Wert von Demokratie, Pluralismus und Menschlichkeit sowie über das Risiko von Zivilisationsbrüchen durch Stereotypen und Vorurteile. 

Wie bitte? Ausgerechnet in den „Unsozialen“ Netzwerken, auf Plattformen, die in Lügengeflechten und Fakes, Verschwörungstheorien und Schwurbeleien, in Hate Speech von persönlichen Beleidigungen bis hin zu Drohungen ertrinken? Ja, gerade deshalb. Denn Fakt ist und Fakt bleibt, dass der Großteil an jungen Leuten dort zu finden ist, sich über „die Welt“ informiert und sich Meinungen und Einstellungen bilden, die für ihr künftiges Verhalten entscheidend sind.

Eine Replik…

Dieser Blogbeitrag ist eine Replik auf einen LinkedIn-Post der Alfred Landecker Foundation zum Thema Digitalstrategien und zeitgemäße Kommunikationsformate zur Vermittlung erinnerungskultureller Inhalte: (https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:6862315792957014016/)

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