Auch im Journalismus gibt es Überzeugungen mit ikonischem Charakter, die irgendwann zu einem ungeschriebenen Gesetz werden. Dazu gehört die Erkenntnis: „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“. Ist das im Zeitalter der Digitalisierung tatsächlich (noch) so? Ich habe den Eindruck, dass diese Weisheit einer Ergänzung bedarf, die da lautet: „(…) Aber immer häufiger ist mit 1000 Worten 1000 Mal mehr gesagt!“ 

Alle RedakteurInnen kennen das Problem: Die Meldung oder die Story ist im Kasten, an der Headline und den Zwischentiteln wird der letzte Feinschliff angelegt und der Teaser nach SEO-Kriterien gecheckt. Fertig. Was jetzt noch fehlt, ist ein aussagekräftiges Bild… Und exakt an dieser Stelle lauert das Risiko, mit der Auswahl einer x-beliebigen Illustration die eigene Leistung qualitativ zu verhunzen! Denn, was vor dem Siegeszug des Internet als zusätzliche Aufwertung journalistischer Arbeiten in Form einer gelungenen Kombination von Text und Bild galt, eine Kombination mit beidseitig sich verstärkender Wirkung, erzielt heute nicht selten den gegenteiligen Effekt: Bilder vermurksen die Qualität guter Texte weit häufiger als sie diese verstärken.

Stocks: Millionen Bilder für Millionen?

Ein ungerechtes Urteil? Dann machen wir doch die Probe auf’s Exempel. Sie arbeiten für ein Fachmedium und gehen auf die Suche nach „passenden“ Bildern für das Thema „Change Management“. Der Hintergrund Ihrer Story: Die Branche befindet sich im Umbruch, der internationale Wettbewerb wird stärker, traditionelle Führungsmodelle stehen infrage, da sie langwierige und schwerfälige Entscheidungsprozesse verursachen. Alle reden über agile Teams, flache Hierarchien und kürzere Innovationszyklen. Für die Wahl einer Illustration hat Ihr Verlag ein oder mehrere Abos mit einschlägig bekannten Bildagenturen wie Adobe Stock (ehemals Fotolia), Alamy, Shutterstock, iStockphoto by Getty Images oder AdPic abgeschlossen. Es gibt noch weitere „Stocks“, aber zum jetzigen Zeitpunkt sei es damit genug. Also, los geht’s!

Was wird geboten? Angeblich sehen wir „Millionen verschiedener und jeweils einzigartiger Bilder renommierter Fotografen“, die uns aufgrund ihrer schieren Vielfalt die Wahl zur Qual machen. Schön wäre es ja, leider aber ist das Gegenteil der Fall. Denn was wir tatsächlich sehen sind Bilder, die das Thema mehr schlecht als recht symbolisieren: zig-Spielereien mit Scribble-Würfeln, die den Begriff Change Mangement bilden, Pfeile, die in gegensätzliche Richtungen streben, nebulöse Wordclouds oder stilisierte Geschäftsmänner, die vor einer großen Wand mit dem Schriftzug „Change Management“ stehen und sich an die Stirn fassen… Bei einer Umstellung oder Erweiterung der Suchanfrage auf Begriffe wie „Innovationszyklus“, „Führung“, „Wettbewerb“, „Agil“ etc.pp. wird’s nicht besser. Kurzum: Wir bekommen Kinderkram, den man am Thema interessierten LeserInnen eigentlich gar nicht zumuten kann.

Haben Bilder noch „dokumentarischen“ Charakter?

Jetzt können Sie einwenden, dass in diesem Beispiel ausgerechnet ein abstraktes Thema ausgewählt wurde, das ohnehin kaum vernünftig zu illustrieren ist. Zugegeben: Tageszeitungen und politische Magazine tun sich bei der Illustration ihrer Texte naturgegebenermaßen leichter, weil ihre Themen überwiegend mitten aus dem Leben gegriffen sind. Ob es um die Ressorts Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur, Szene oder Gesellschaft geht, liegen hier print wie online Bilder mit dokumentarischem Charakter nahe, die textliche Aussagen unterstützen. Und je stärker eine Zeitung, ein Magazin oder Webportal von der lokalen oder regionalen Berichterstattung lebt, desto wichtiger sind authentische Bilder von Personen und Locations, die Lesern und Nutzern bekannt sind. Dabei kann es durchaus sein, dass die Euphorie und Verzückung im Gesicht eines Sportlers, der eine lokale Meisterschaft für sich entschieden hat, den Wert besitzt, für sich alleine zu stehen und bildhaft die Kerninformation der Nachricht plastischer und nachdrücklicher vermittelt als der Text eines Interviews, in dem der Athlet wie ein Bundesligakicker zum wiederholten Male ein „Wie geil ist das denn!“ und „Ich kann’s nicht fassen,“ stammelt. Insofern, ja – solche Bilder können tatsächlich „mehr als 1000 Worte“ sagen.

Bei vielen anderen Beispielen ist das aber nicht der Fall. Denn besonders in Fachmedien und Publikumszeitschriften, print wie online, fällt auf, dass der dokumentarische Charakter von Bildern sowie der Anspruch an Illustrationen, diese sollten zusätzliche Informationen für Leser und Nutzer als Mehrwert transportieren, immer mehr verloren geht. Die Ursachen sind vielschichtig: Bei Publikumsmedien wie Illustrierten kommt Service- und Ratgeberinhalten immer mehr Bedeutung zu, die viele allgemeine Themen behandeln. Bei Fachmedien (besonders mit technischen Bezügen) werden Themen, die sich nicht authentisch mit Gebäuden, Anlagen und Unternehmen vor Ort bebildern lassen, symbolhaft illustriert.

Beliebige Bild“kompositionen“ und austauschbare Models

Gute Beispiele hierfür sind Themenbereiche im IT-Umfeld wie Blockchain, Cloud-Computing, Künstliche Intelligenz (KI) oder Internet of Things (IoT). Hier machen die „Stocks“ dieser Welt so richtig Asche, und eine kurze Suchanfrage mit den erwähnten Begriffen macht schnell deutlich, wie viele dieser Bild“kompositionen“ man schon gesehen hat – oder mit anderen Worten: wie beliebig und austauschbar die Ware ist! So beliebig und austauschbar übrigens wie die ungezählten Bilder mit glattgesichtigen und wohlproportionierten Models, die von ihren Fotoagenturen heute vor Laptops gesetzt werden, um Storys über Banken, Finanzierung und Versicherungswirtschaft zu illustrieren und morgen als Fachpersonal am Steuerungsaggregat einer Maschine zur Verbildlichung einer Geschichte über Fräsen und Stanzen oder Industrie 4.0 abgelichtet werden. 

Aber es gibt noch weitere Ursachen für diese, in meinen Augen sehr bedenkliche, Entwicklung für die journalistische Qualität. Da sind zum einen die Kosten: Viele Redaktionen wollen und können sich keine eigenen Fotografen mehr leisten. Gute Bilder, die speziell für die Illustration von Storys in Auftrag gegeben werden, sind teuer, und die (richtige und lange überfällige) Stärkung der Urheberrechte von Fotografen haben ein weiteres dafür getan, dass originäre Auftragsarbeiten der Kosten-Nutzen-Analyse häufig zum Opfer fallen. Und zum anderen, und das ist der tiefere Anlass dieses „Tipps für Redaktionen“, gibt es die Erfahrung vieler JournalistInnen, dass ihre Texte über alle Mediengattungen hinweg an Wert eingebüßt haben. So hören wir: „Leser überfliegen heute die Texte doch nur noch“ oder gar: „Wer liest heute denn überhaupt noch?“

Fotos sollen Leser in den Text „hineinziehen“

All das scheint der Überzeugung „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ in die Hände zu spielen. Und da ist letztlich ja auch noch das systemische Prinzip im digitalen Publishing, das Beiträgen nur dann die Aufmerksamkeit von NutzerInnen verschafft, wenn sie mit „attraktiven“ Bildern illustriert werden. Mit Bildern also, die Leser „so richtig ins Thema hineinziehen“… Und, bitteschön, den Erfolg dieses „Hineinziehens“ kann auf Websites wie in Sozialen Medien (angeblich) ja auch gemessen werden: mit Klickraten, der Zahl von Fans und Likes und Kommentaren.

Tatsächlich? Ich bestreite das. Erstens kenne ich keine einzige seriöse Studie in der Mediennutzungsforschung der vergangenen zwei Jahrzehnte, die methodisch und in sich konsistent den Zugewinn an Attraktivität von Beiträgen durch damit verknüpfte Illustrationen dahingehend belegt hätte, dass etwa die Häufigkeit des Zugriffs auf einen gleichen Beitrag mit Illustrationen unterschiedlicher Qualität gemessen worden wäre. Und nur ein solches Studiendesign kann seriöse Aussagen über die Qualität von Bildern als Anreiz für die Lektüre von Beiträgen erbringen! Was wir lediglich wissen, aber das ist eine Binsenweisheit: Aufgrund der veränderten Mediennutzungsgewohnheiten, die die Art des Konsums der Informationen vom Internet auch auf Printmedien übertragen haben, werden Texte ohne Illustration sehr viel weniger beachtet, das heißt gelesen, angeklickt und aufgerufen.  

5 Empfehlungen für gelungene Illustrationen

Die Überzeugung „Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ wird dadurch also nicht richtiger. Im Gegenteil: Durch die beschriebene und häufig zu kritisierende Beliebigkeit in der Auswahl und Verwendung von Bildern in Print- und digitalen Medien in Form einer „Illustrationskulisse“ ohne Mehrwert und zusätzlicher Information wird der Eindruck journalistischer Qualität gemindert. Schwache und „gesichtslose“ Illustrationen ziehen nicht „hinein“, sondern „hinab“. Weil sie Medienprodukte austauschbar und beliebig machen.

Wenn Sie Wert darauf legen, dass nicht nur Ihre Texte, sondern auch das Umfeld, in dem sie präsentiert werden, aus Sicht Ihrer Leser und Nutzer den Eindruck des Besonderen und von Einzigartigkeit vermitteln sollen, dann legen Sie auch an die Auswahl der Illustrationen ähnliche Qualitätsmaßstäbe wie an Ihre Texte an. Dazu einige Empfehlungen:

  • Verwenden Sie so oft es möglich ist authentische und originäre Fotografien, die Sie oder Ihr Team selbst an Ort und Stelle geschossen haben (bei Reportagen, Messen, Veranstaltungen, Interviews und Kundenbesuchen) – Schnappschüsse mit guter Auflösung, die mit handelsüblichen Handys aufgenommen werden, liefern für Websites in der Regel eine gute Qualität; 
  • reduzieren Sie die Anzahl der eingesetzten Stock-Fotos und/oder wählen Sie bei verwendeten Produkten dieser Art einen besonderen Bildausschnitt, z.B. zur Hervorhebung eines Details, oder schneiden Sie das Foto in einem außergewöhnlichen Format zu;
  • vermeiden Sie grundsätzlich den Einsatz von Symbolbildern zur Illustration konkreter Themen und fügen Sie lieber zusätzliche Infoboxen mit Checklisten oder weiteren Nutzwertformaten, Sonderformate wie „Die Zahl des Monats“ o.ä. und gestalterisch hervorgehobene Zitate von den in der Story erwähnten Personen an;
  • publizieren Sie möglichst häufig Fotografien von Menschen – das erhöht in aller Regel die Bindungswirkung zum Medienprodukt;
  • setzen Sie dosiert (gute und aussagekräftige!) Infografiken ein, die komplexe Zusammenhänge plastisch veranschaulichen  (Tipp: Falls Sie es noch nicht kennen, sehen Sie sich dazu das Katapult-Magazin an: https://katapult-magazin.de/de).

Tipps für Redaktionen, besonders in den Bereichen Redaktionelle Organisation und Mitarbeiterführung, Workflow- und Qualitätsmanagement, Optimierung von Abläufen und technischen Prozessen, Content Management und Digitalisierung, finden Sie stets aktuell auf meiner Website https://www.leuthner-publishing-consulting.de

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