Wo haben Sie sich seit Anfang 2020 über die jeweils aktuellen Entwicklungen in der Corona-Pandemie, über politische Affären und Skandale oder über die Positionen der Parteien im Bundestagswahlkampf informiert? Natürlich haben Sie „Tagesschau“, „Tagesthemen“ und „heute“  eingeschaltet, ihre Bookmarks zu Nachrichtenmedien am Rechner geklickt, Radio gehört und ab und an auch Zeitung gelesen. Immer häufiger haben Sie aber auch, geben Sie es ruhig zu, die beliebten Polit-Talks in ARD und ZDF geguckt. 

Kräftige Steigerungen bei den Einschaltquoten

So erfolgreich wie zurzeit waren die modernen Zirkusmanegen des Öffentlich Rechtlichen Fernsehens, in denen PolitikerInnen wie Gladiatoren gegeneinander antreten, jedenfalls noch nie. So ermittelte die Marktforschung (alle Zahlen nach einer watson-Recherche bei ARD und ZDF), dass seit März 2020 durchschnittlich 3,15 Millionen Fernsehzuschauer jeden Talk „Hart aber Fair“ von Frank Plasberg sehen (+ 10,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat), „Anne Will“ schalten seit März 2020 durchschnittlich 4,14 Millionen Menschen ein (+ 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat), Sandra Maischbergers Talk-Format „Die Woche“ konnte die Einschaltquote um 15 Prozent steigern, „Maybrit Illner“ um gut 10 Prozent und Markus „Lanz“ gar um 22 Prozent. 

Damit aber noch nicht genug: Auch die Zugriffe über die Mediatheken schießen seit März 2020 durch die Decke. So zitiert watson einen ZDF-Sprecher, der über das Interesse am „Lanz“-Format ganz aus dem Häuschen ist: „Online erreichte das Angebot insgesamt 18,46 Millionen Sichtungen – ein Plus von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch auf Youtube werden die Videos der Sendung hunderttausendfach, manchmal mehr als eine Million Mal, angesehen.“

Zugewinne in der Corona-Pandemie

Eine Erklärung für das rasante Wachstum der Talk-Quoten liegt mit Sicherheit im Verlauf der  Corona-Pandemie. Besonders während der Lockdowns wurde ohnehin mehr Zeit in den Konsum von Medien investiert. Doch gewiss war das Thema Corona für alle Talk-Formate im TV schlichtweg ein Geschenk des Himmels. Kaum eine Sendung kam standardgemäß ohne eine Virologin oder den Virologen aus, die über die jeweils neueste pandemische Entwicklung, ihre Prognosen und Interpretationen sowie über die Verhältnismäßigkeit der empfohlenen Maßnahmen befragt werden konnten. Insofern hat die Pandemie die Attraktivität der Talkshows, zusätzlich zur Bekanntheit von Virologen, Epidemiologen und Intensivmediziner, sicherlich dramatisch gepusht.

Darüber hinaus haben die vergangenen zwei Jahre aber auch das Koordinatensystem der politischen Kommunikation weiter verändert. Was schon lange zu beobachten ist, ist der Zuwachs an öffentlicher Aufmerksamkeit für Infotainment-Formate im TV. Sowohl die Vermischung von Information und Unterhaltung (Entertainment) als auch eine völlig unjournalistische Vermengung von Nachricht und Meinung, die häufig als „Haltung“ daherkommt, wird zu einem neuen Standard. Natürlich hat das Folgen für den Prozess der politischen Meinungs- und Willensbildung der BürgerInnen, die Plasberg, Maischberger & Co. zunehmend als mediale Werte-Vermittler zwischen sich selbst und politischen Angeboten empfinden, über die sie letztlich bei Wahlen entscheiden. 

Wachstum auf Kosten klassischer Medien

Folgen hat diese Entwicklung darüber hinaus für klassische Nachrichtenmedien im Printsegment, wie Zeitungen und (politische) Magazine, sowie für Newsportale im Internet. Beide Mediengattungen verlieren an Relevanz in der Wahrnehmung von Medienkonsumenten, und es ist schon auffällig, wie intensiv und mit welch hoher Frequenz die Webklone von Spiegel, Focus, Bild, Zeit, FAZ, Süddeutsche und Welt jeweils über die aktuellen Polit-Talks im Fernsehen nach-berichten und dort gemachte Aussagen von PolitikerInnen zitieren. Keine Frage: Die Sendungen der Big Five im Talkbusiness des Öffentlich Rechtlichen Fernsehens haben ihre Relevanz in der politischen Debatte ganz erheblich gesteigert. Sie haben Macht und Einfluss.

Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass sich renommierte Politik-JournalistInnen aus bekannten Printmedien bei Lanz, Illner, Maischberger, Plasberg und Will die Klinke in die Hand geben. Zu Stammgästen in den Fernsehstudios sind u.a. Robin Alexander (stv. Chefredakteur der Welt), Gregor Peter Schmitz (Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung), Ulrike Herrmann (Wirtschaftsredakteurin der taz), Eva Quadbeck (stv. Chefredakteurin Redaktionsnetzwerk Deutschland RND) sowie Melanie Amann (Mitglied der Spiegel-Chefredaktion) und Markus Feldenkirchen (Redakteur und Korrespondent beim Spiegel) geworden. 

Boulevardisierung der politischen Kommunikation 

Für den Unterhaltungswert der Polit-Talks und die Qualität der Information aus Sicht der Zuschauer ist die Präsenz fachkundiger Journalisten einerseits sicher ein Zugewinn. Andererseits geraten inhaltliche und programmatische Fragen der Politik, wie besonders in Talk-Sendungen über den Bundestagswahlkampf 2021 beobachtet werden konnte, in den Hintergrund und machen Debatten über die Persönlichkeit und banale Befindlichkeiten von KandidatInnen zunehmend Platz: „Warum hat Laschet gelacht?“ und „Warum lacht Scholz niemals?“, „Welche Angaben im Lebenslauf von Baerbock sind unvollständig?“ oder „Warum trug Außenminister Maas Turnschuhe zum Fototermin?“

Insofern bedienen die Talk-Formate auch ein selbstreferenzielles Konstrukt zwischen Medien und Politik, das genau jene Themen pusht, mit denen am besten Quote und Auflage gemacht werden kann – und das eher die Boulevardisierung der Politik als politische Inhalte in den Fokus nimmt.  

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