„Zeitungsverlage brauchen Print und Digital in einer ausgewogenen Balance“

„Zeitungsverlage brauchen Print und Digital in einer ausgewogenen Balance“

Wer die Medientage in München, immerhin Europas größter Medienkongress, wachen Auges besucht hat, dem ist nicht entgangen, dass sich die weit überwiegende Zahl der Panels, Präsentationen und Debattenzirkel vor allem mit drei großen Themenbereichen beschäftigt hat:

1. Wie entwickeln sich digitale Informations- und Unterhaltungsangebote weiter – „What’s the next Big Thing?“

2. Wie sieht die Zukunft der klassischen audiovisuellen Medien aus (TV und Radio) und wie vernetzen sie sich mit dem Web und seinen schillernden jungen Formaten?

3. High Tech: Big Data, Newsaggregation und Robotjournalismus. Welche Perspektiven sagen Founder, etablierte Anbieter und praktische Anwender Prozessen beim Datenmanagement und der Datendistribution sowie der automatisierten Inhalteproduktion voraus?

Print, gedruckte Medien also, sei es in Form von Zeitungen, Zeitschriften oder Büchern, fristeten – wenigstens der Zahl der Panels nach – beinahe ein Schattendasein. So als wäre die „Digitale Disruption“ längst schon vollzogen. Die Hotspots des Großevents lagen zweifellos auf Bühnen, wo sich Millennials neue Onlinetools für Contents und digitale Werbeformate um die Ohren schlugen.

Gleichwohl – es sei ein wenig pointiert gesagt an dieser Stelle – spielten die traditionellen Print-Geschäftsmodelle ihre Rolle: und sei es in Abgrenzung der Reflexion als Urmotiv der Mediennutzung zur suggestiven Wirkung der digitalen Komplexität, mit der „gehighlightet“, die Nutzer bespielt und unterhalten, mit der  aber auch ernsthaft und tiefgründig erzählt werden kann.

Interview mit BDZV-Chef Andreas Scherer

Andreas Scherer (Bildmitte, in der Diskussion mit Dr. Uwe Vorkötter, links, und Franz-Josef Pschierer), Erster Vorsitzender des Verbandes der Bayerischen Zeitungsverleger (BDZV) und seit dem Jahr 2000 Sprecher der Geschäftsführung der Mediengruppe Pressedruck Augsburg, sieht die Entwicklung trotz allem gelassen und führt im Gespräch mit dem Autor gute Gründe an.

Leuthner: Die Münchner Medientage stehen unter dem Thema „Digitale Disruption – Medienzukunft erfolgreich gestalten“. Wirft man einen Blick ins Veranstaltungsprogramm, könnte man meinen, dass Print schon in der Gegenwart kaum noch eine Rolle spielt. Wie ist diese Diskrepanz zu erklären – steht bei vielen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen doch das Printprodukt noch immer im Mittelpunkt des Publishing?

SchererEs ist eine seltsame Sitte der Medienbranche, bewährte Printprodukte jedes Mal tot zu sagen, wenn es etwas Neues gibt. Das war schon so, als der Hörfunk kam, und erst recht, als das Fernsehen kam. Und jetzt heißt der angebliche Zeitungskiller „Digital“. Das ist grundfalsch. Im Gegenteil: Das Digitale eröffnet uns viele Möglichkeiten. Natürlich bleibt die gedruckte Zeitung ein ganz wichtiger Player im Konzert der Medien. Darüber hinaus bieten wir unsere Inhalte aber auch online und mobil an. Unsere Leser und User entscheiden, welchen Verbreitungsweg sie nutzen. 

Leuthner: Besonders Zeitungsverlage leiden seit vielen Jahren unter einem kontinuierlichen Rückgang auf beiden Erlösseiten. Wird in absehbarer Zukunft die Talsohle durchschritten?

SchererEs stimmt – wir müssen uns in einem schwieriger gewordenen Umfeld behaupten. Aber wem geht das nicht so? Wo gibt es noch gemütliche Nischen? Bei den Printauflagen verzeichnen wir in Bayern moderate Rückgänge von ein bis zwei Prozent pro Jahr. Dafür zeigt die Auflage bei den E-Paper steil nach oben. Und immer mehr Verlage verlangen für ihre digitalen Angebote Geld. Bundesweit sind es inzwischen über 120, davon in Bayern knapp 20. Auch im Werbemarkt zeichnet sich eine Stabilisierung unserer Erlöse ab. Mittel- und langfristig könnte Print hier sogar wieder zulegen. Unsere Messtechniken bei der Werbewirkung werden immer besser, und das Wachstum im Bereich der Online-Werbung nimmt spürbar ab. Das könnte die klassische Zeitungswerbung wieder attraktiver machen.

Leuthner: Welche Konzepte empfehlen Sie Zeitungsverlagen, jüngere Zielgruppen zu erreichen und zu binden?

SchererAuch unsere Probleme mit der Jugend werden gerne übertrieben. Wir kommen bei der jungen Kundschaft überraschend gut an. Unsere Themen Sport und Freizeit sind echte Renner. Aber eines ist klar: Mit Print allein kann man bei der Jugend nicht mehr landen. Die erreicht man multimedial und das gelingt uns auch. Dreiviertel der 14- bis 29-Jährigen nutzen im durchschnittlichen Monat die digitalen Angebote der Zeitungen. Das bedeutet 10,9 Millionen Leser in dieser Altersklasse! Dabei haben wir ein Pfund, mit dem man auch bei den jungen Menschen wuchern kann: die seriöse, journalistisch saubere Information. Unsere Erfahrung zeigt: Junge Leute wollen digital chatten und spielen. Aber sie wollen auch wissen, was Sache ist in der Nachbarschaft und in der Welt. Und da sind wir die Benchmark.

Leuthner: Kann eine Digital-first-Strategie mit einem konsequent multimedialen Ansatz das Geschäftsmodell Zeitung auf längere Sicht stabilisieren? Zusatzfrage: Auch die Zeitung als Printprodukt?

Scherer: Da kommen wir in den Bereich der Spekulation. Einige versuchen ja, sich vorrangig auf das Digitale zu konzentrieren. Ich bin da skeptisch. Statt „digital first“ sage ich „Print und digital in ausgewogener Balance“. Es gibt Bereiche, da liegt das Digitale klar vorn, und andere, da ist Print unschlagbar. Die Balance macht es. Die Solidität der gedruckten Zeitung hilft dem digitalen Produkt, und unsere digitalen Auftritte stärken die gedruckte Zeitung. Das ist jedenfalls meine Erfahrung.

Leuthner: Manche Branchenexperten empfehlen Zeitungen eine radikale Regionalisierungsstrategie, d.h. den Verzicht auf möglichst alle überregionalen Nachrichten und Informationen. Verliert eine Zeitung damit aber nicht ihren All-in-one-Anspruch, der große Bedeutung für die Werbung treibende Wirtschaft hat?

SchererDie meisten Leser in Deutschland lesen eine Regionalzeitung. Das Regionale und das Lokale stehen schon lange im Mittelpunkt. Da kann man sicher noch einiges tun. Aber von den guten und erfolgreichen Regionalzeitungen erwarten die Leser auch den Blick über den Tellerrand. Und zwar nicht nur als bescheidenen Zusatz, sondern als wichtigen Bestandteil des Produkts. Man kann das „Full Service“ nennen. Eine radikale Regionalisierung auf Kosten der überregionalen Themen kann leicht kontraproduktiv sein. Wenn ich den Blick in die größere Welt nicht mehr biete, zwinge ich Leser und Werbetreibende ja geradezu in andere Produkte, die das bieten. Also: Regional – ja. Radikal – nein.

Leuthner: Herr Scherer, vielen Dank für das Gespräch!

(Bild: Mediathek Medientage München – vielen Dank!)

„Wir müssen zum Experimentierlabor werden“

„Wir müssen zum Experimentierlabor werden“

Was ist Print noch wert? Haben gedruckte Medien, besonders Zeitungen und Zeitschriften, noch eine Zukunft, oder zerstört die Silicon-Valley-Kultur das traditionelle Print-Geschäft endgültig?

Diese Fragen standen über dem „Publishing Gipfel“ bei den Medientagen München und darüber zerbrachen sich die Köpfe: Alexandra Föderl-Schmid, Chefredakteurin „Der Standard“, Wien, Andreas Scherer, Erster Vorsitzender vom Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) und Sprecher der Geschäftsführung der Mediengruppe Pressedruck Augsburg, Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur Digitale Medien der FAZ, Martin Wunnike, Vorsitzender der Geschäftsführung Mittelbayerischer Verlag, Regensburg, Ulrich Gathmann, Geschäftsführer Nordwest Medien und Franz Josef Pschierer, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie. Dr. Uwe Vorkötter, Chefredakteur des HORIZONT, leitete die Diskussion.

Auch Ältere müssen für Online-Angebote begeistert werden

Wer sich auf Neues und Aufklärerisches gefreut hatte, wurde ein wenig enttäuscht. Aber das konnte auch niemand ernsthaft erwarten, denn der Publishing Gipfel bewies trotz des digitalen Exoten Müller von Blumencron, der von 2000 bis 2008 als Chefredakteur von SPON die erfolgreichste Webmarke unter den deutschen Nachrichtenmagazinen aufgebaut hatte, eine hohe Print-Konsistenz. Ein „Junger Wilder“ aus der digitalen Welt der Medientage hätte dem Gipfel mit steilen Thesen,  einer Portion Respektlosigkeit und einem grell gefärbten „Iro“ vielleicht zusätzlich Farbe verleihen können.

Trotzdem gab es Bedenkenswertes und interessante Infos zum Mitnehmen. Eine der größten Herausforderungen für Gedrucktes beispielsweise dürfte sein, die „ältere“ Konsumentenschicht für digitale Optionen zu gewinnen. So berichtete Ulrich Gathmann, dass lediglich 5 Prozent aller Leser über 50 Jahre bereit dazu seien, auf die digitale Form der Zeitung umzusteigen. Dies habe eine Umfrage im Leserkreis der Nordwest Medien ergeben. In dieser Altersgruppe herrsche nach wie vor hohe Affinität zum Druck. Deshalb hält Gathmann es für besonders wichtig, dass Zeitungshäuser an der grundsätzlichen Begeisterung für die Marke arbeiten – und zwar in allen Kanälen. Zugleich müsse man sich auf den Generationswechsel einstellen und Angebote für junge Leser bereithalten. Denn auch jüngere Altersgruppen seien bereit, für gedruckte Zeitungen zu bezahlen, aber nur, wenn sie die Marke begeistere.

Eine Marke muss ihre Nutzer „berühren“

Die Veranstalter hätten dem Chronisten die Augen verbinden und den Namen des FAZ-Digitalchefs verheimlichen können, denn mit seinem ersten Satz machte Mathias Müller von Blumencron klar, dass hier ein Medienmann aus der digitalen Schule argumentiert. Er begrüßte den Umbruch: „Der Change ist eine große Chance für die Medien, und der Change ist ein Prozess. Er ist nicht über Nacht gekommen. Und ich bedauere ihn nicht, sondern begrüße ihn, weil die neuen technischen Möglichkeiten, die der digitale Journalismus zur Verfügung stellt, großartig sind. Wir erhalten damit neue Chancen zur Aufbereitung spannender Themen und zur Kommunikation mit den Nutzern. Aber wir müssen bereit dazu sein, zu experimentieren, wir müssen zum Experimentierlabor werden!“ Aus Sicht des FAZ-Digitalchefs bedeutet dies, alles dafür zu tun, eine jeweils „attraktive und den Menschen berührende Marke“ im Netz aufzubauen. Offensichtlich sei, dass Medienkonsumenten Geld im Netz nur für die besten Analysen und Reportagen ausgeben wollten: „Das ist zugleich unsere Chance.“

Selbstverständlich aber genügt, so Müller von Blumencron, nicht allein die inhaltliche Komponente beim Markenaufbau und ihrer Pflege. „Wir müssen den Nutzer sehr viel stärker als bisher an der Finanzierung des Produkts beteiligen.“ Dabei setzt er zum einen auf die Professionalisierung digitaler Werbung („Wir sind noch weit davon entfernt, hier attraktive Angebote zu machen und digitale Werbung gut zu verkaufen“), und zum anderen auf den Wettbewerb zwischen Print und Digital: „Vor diesem Wettbewerb sollte niemand Angst haben, im Gegenteil. Er kann beide Kanäle stärken, gerade weil doch deutlich wird, dass das eine Reichweitenmodell nicht ausreicht.“ Dazu müssten aber auch alle verstehen und akzeptieren, dass Channels wie Facebook „auch eine mediale Komponente haben und viel mehr als eine Kommunikationsplattform mit dem Nutzer sind“.

„Wir dürfen uns nicht klein reden lassen“

Martin Wunnike, Vorsitzender der Geschäftsführung Mittelbayerischer Verlag, knüpfte an eine Prämisse Gathmanns an, die unwidersprochen im Raum blieb: „Das Geschäftsmodell Print hält mindestens noch zehn bis 15 Jahre“ und erläuterte: „Wir sehen den Medienwandel entspannt, denn die gedruckte Zeitung ist nach wie vor der größte Umsatzträger. Die klassische Zeitung hat ihre Berechtigung.“ Das Thema von der „Digitalen Disruption“ der Medientage München kann Wunnike deshalb nur mit Abstrichen unterschreiben: „Natürlich befinden wir uns alle in einem Wandel, aber wir sind zuversichtlich und durchaus im Plan.“ Was wichtig ist: „Wir müssen unseren eigenen Weg gehen, unsere gedruckten Angebote ausbauen und anreichern und auch in allen anderen Kanälen attraktiv präsentieren, aber wir dürfen uns nicht klein reden lassen.“

Denn auch in der digitalen Welt verlaufe die Entwicklung doch nicht linear, wie man daran feststellen könne, dass die Mehrzahl der jungen Nutzer von Facebook beispielsweise zu WhatsApp wechselten. Darüber hinaus, so Wunnike: „Unsere Marken sind heute so stark wie nie zuvor. Unser Geschäft macht uns Spaß, und das liegt zum großen Teil auch daran, dass wir Journalisten haben, die mit der Aufbereitung und Präsentation von Themen experimentieren, die neue Wege und Formate ausprobieren und Freude an ihrer Arbeit haben.“ Ulrich Gathmann von den Nordwest Medien wollte kein Wasser in den Wein gießen, machte aber darauf aufmerksam, dass die Tageszeitungsbranche „noch ganz am Anfang“ stehe, „sich die vielen neuen Technologien anzueignen und diese zu leben“. Dazu sei die Motivation der Redakteure eine wesentliche Voraussetzung.

Der Wert des gedruckten Informationsangebots wird erkannt

Auch Andreas Scherer (in einem weiteren Blogeintrag folgt ein Interview des Autors mit dem VBZV-Chef) sieht die Lage für Printprodukte besser als die Stimmung. Scherer: „Das einzige, was wir brauchen, sind positive und wettbewerbsneutrale Rahmenbedingungen.“ Damit sprach Scherer die Diskussion um das Presseleistungsschutzrecht mit Google und Newsaggregatoren an. Grundsätzlich aber erreichten Verlage auch heute mit ihren Printprodukten doch rund drei Viertel aller Medienkonsumenten. Das zeige, dass der Wert des gedruckten Informationsangebots nach wie vor erkannt und honoriert werde. Medien-Staatssekretär Pschierer gab ihm darin recht und hob die Qualität gedruckter Zeitungen hervor, die sich Tag für Tag mit der „Geiz-ist-geil-Mentalität“ der digitalen Welt messen lassen müssten. Qualitative Informationen könnten jedoch nicht kostenlos zur Verfügung gestellt werden, da sie vor dem Hintergrund der Presse- und Meinungsfreiheit auch eine eminent politische Funktion übernehmen würden.

Alexandra Föderl-Schmid, Chefredakteurin vom Wiener „Standard“, kann gegen den in der öffentlichen Wahrnehmung weit verbreiteten Trend vom leidenden Printsegment, durchaus Positives berichten: „Beim Standard wurden die zuvor getrennt agierenden Redaktionsbereiche für Print und Online zusammengelegt. 2014 war das erste Jahr, in dem wir – bezogen auf beide Kanäle – gemeinsam zugelegt haben.“ Föderl-Schmid kann deshalb nicht erkennen, dass die gedruckte Zeitung nicht mehr attraktiv sein soll. Was aber auch in die Köpfe von Journalisten muss, so die Chefredakteurin: „Wir haben uns auf den Weg gemacht, den Standard zu einer konsequent multimedialen Marke zu machen. Dazu gehört, dass sich Leser und Nutzer austauschen und miteinander kommunizieren. Dabei probieren wir unterschiedliche Wege aus, hier ein Forum, dort ein Liveticker. Und das eine läuft, während das andere nicht so läuft. Aber das ist doch keine Katastrophe, sondern schlichtweg unser Job!“ Darüber hinaus weiß die Standard-Frontfrau von der „besonders guten“ Entwicklung der Print-Abonnentenzahl bei jungen Familien zu berichten: „Vielleicht kennt man das in Deutschland nicht mehr so, bei uns aber wächst die Abonnentengruppe von Familiengründern, die sich an einem Ort etablieren und dazu auch eine Tageszeitung abonnieren.“

Der Wiener Standard hat seine Zielgruppe gegen den Trend verjüngt

Eine „Digital-first-Variante“ in der Produktion, bei der die Nutzer über einen digitalen Zugang zum gesamten Informationsangebot des Standard geführt würden, kann sich die Journalistin nicht vorstellen. Im Gespräch mit dem Autor betonte sie, dass die Redaktionsmannschaft im Newsroom alle Kanäle gleichermaßen und gleichberechtigt bediene: „Die Printausgabe Der Standard, die von Montag bis Samstag erscheint, der Standard Kompakt im handlichen Druckformat für unterwegs (Montag bis Freitag), das E-Paper und die Website derStandard.at.“ Dabei stehe jeweils das Thema und die Story im Mittelpunkt: „Wir entscheiden im Newsroom, wann, wo und wie wir ein Thema aufbereiten. Und das kann ganz unterschiedlich sein.“ Damit spreche der Standard, in welcher seiner Erscheinungsformen auch immer, alle Zielgruppen an, auch jüngere Altersgruppen: „Wir können sogar vermelden, dass wir uns nach der aktuellen Leserstrukturanalyse noch einmal verjüngt haben – im Gegensatz zur natürlichen Altersentwicklung der Bevölkerung. So sind unsere Leser durchschnittlich 44 Jahre alt, wohingegen der Bevölkerungsschnitt bei knapp 47 Jahren und das Gros der Zeitungsleser bei 50 plus liegt.“ Hilfreich für das 1988 von Oscar Bonner nach dem Vorbild der New York Times gegründete Wiener Zeitungshaus ist natürlich die Fokussierung auf junge Zielgruppen, zum Beispiel durch Hochschul-Beilagen. Wie Föderl-Schmid betont, die seit 2012 Mitherausgeberin des Standard ist, war dies von Anfang an Teil des Zeitungskonzepts.

Zum Schluss ein weiterer interessanter Aspekt, den die Standard-Chefin in die Diskussion einbringt: „Ich glaube, dass wir uns von der Überzeugung verabschieden müssen, dass die schnelle News online und der vertiefende Artikel Print publiziert werden sollte. Zwar wird in beiden Kanälen schon anders gelesen, aber grundsätzlich sehe ich diese Trennung nicht mehr. So registrieren wir sehr hohe Verweilzeiten bei eigens für online produzierten Beiträgen. Das können lange Reportagen sein, die auch im Netz einen größeren Umfang haben, oder längere gedruckte Reportagen, die dann online mit Videos, Bildergalerien und Zusatzinformationen angereichert sind. Was für uns wichtig ist: Bei jedem Thema machen wir uns darüber Gedanken, wie es am besten zu erzählen ist.“

(v.l.n.r. Dr. Uwe Vorkötter, Alexandra Föderl-Schmid, Martin Wunnike, Ulrich Gathmann, Mathias Müller von Blumencron; Bild: Mediathek Medientage München – vielen Dank!)

„Der Konsument ist unser unternehmerischer Imperativ“

„Der Konsument ist unser unternehmerischer Imperativ“

Von Phillip Welte, Verlagsvorstand Hubert Burda Media, ist bekannt, dass er rhetorische Feuerwerke entzünden kann. So geschehen anlässlich der Münchener Medientage 2015 in seiner Keynote zur Podiumsdebatte „Faszination Print. Zukunft ist machbar!“

Welte bringt das fehlende Selbstverständnis der Branche in Rage: „Unsere Industrie gefällt sich darin, das Hohe Lied vom Niedergang zu singen.“ Doch wie sieht es denn wirklich aus? Der Manager: „Es ist doch nicht nur die Medienlandschaft, die sich in dieser Zeit radikal verändert. Der Change ist doch überall: Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft. All das verändert sich mit der Digitalisierung doch ebenso.“ Und auch, wenn in den klassischen und vertrauten Unternehmensbereichen eines Verlags, in Redaktion, Vertrieb, Verkauf, Kundenkommunikation und Marketing, kein Stein auf dem anderen bleibe – „Der Kern des Geschäfts hat sich keinesfalls verändert. Denn nach wie vor schaffen wir mit unseren Produkten emotionale Bindungen zu Menschen und monetarisieren diese Bindungen.“ Dies sei sei nach wie vor das Geschäftsmodell eines Medienhauses.

1 Zettabyte an Informationen im digitalen Universum

So what?, möchte der Chronist anfügen. Aber: „Natürlich haben wir es mit erheblichen Veränderungen zu tun, die uns Probleme bereiten. Wir sehen eine hohe Volatilität des Marktes und spüren die Unbeständigkeit von Marktentwicklungen. Das schafft Unsicherheit.“ Die wesentliche Veränderung allerdings entstehe durch neue Technologien, die ins Verlagsgeschäft integriert und beherrschbar gemacht werden müssten. Während das traditionelle Publishing-Business in einer Welt der Knappheit an Information und Unterhaltung groß geworden sei, sehe sich die Branche heute einem Zettabyte an Informationen (Daten) im digitalen Universum gegenüber: „Eine 10 mit 21 Nullen…“

Die technologische Entwicklung mit ihrer Geschwindigkeit und Vielfalt also ist der Innovationstreiber, der für Verlage immense Komplexitätsanforderungen mitbringt. Doch, und das stellt Welte wiederholt in den Mittelpunkt seiner Keynote, ist die eigentliche Herausforderung: „Diese Komplexität muss gemanagt werden. Da sind wir im Verlagsgeschäft mitten drin, diese Herausforderung haben wir längst angenommen, und das bedeutet – wir leben und sind keineswegs krank oder tot!“

Technologische Innovation (High Tech) vs. Emotion (High Touch)

Denn je mehr neue Technologien sich in der Welt breit machten, desto größer sei die menschliche Sehnsucht nach Emotionen. Ein Zusammenhang, den der US-amerikanische Trend- und Zukunftsforscher John Naisbitt in seinem weltweit bekannten Werk „Megatrends“ auf das zivilisatorische Spannungsverhältnis zwischen High Tech und „High Touch“ brachte. Welte: „Unsere Magazine befriedigen die Sehnsüchte der Seele.“ Anders sei es nicht zu erklären, dass in Deutschland Jahr für Jahr rund 2,5 Milliarden Zeitschriftenexemplare verkauft werden und Burda 53 Millionen Menschen mit seinen Titeln erreiche.

„Ja, Print fasziniert weiterhin. Unsere Marken faszinieren,“ folgert Welte. Deshalb wären auch journalistische Inhalte noch nie so gefragt wie heute. Allerdings: „Der Konsument ist unser unternehmerischer Imperativ!“ Deshalb müsse jedes Publishingunternehmen heute seine Inhalte souverän und professionell in allen zur Verfügung stehenden Kanälen distribuieren. Mit diesem Dreiklang aber – Leidenschaft für Journalismus, Fokussierung auf den Konsumenten und die Begeisterung für die Publikationsmöglichkeiten neuer Technologien – werde auch Print eine sichere Zukunft haben.

„Die Medienwelt ist nicht schwarz-weiß“

Auch Béatrice Guillaume-Grabisch, Chief Executive Officer Nestlé Deutschland, glaubt an das Geschäftsmodell Print. In der von Roland Tichy, früherer Chefredakteur der WirtschaftsWoche und aktuell Herausgeber der Xing-News (das Business-Netzwerk baut zurzeit eine eigene Wirtschaftsredaktion auf), geleiteten Podiumsdiskussion forderte die Kommunikationsmanagerin allerdings eine gleichbleibend hohe Qualität aller Contents. Darüber hinaus sei ein jeweils attraktiver Mediamix unterschiedlicher Formate sowie die persönliche Ansprache und Betreuung der Konsumenten notwendig. Auch die Medienwelt sei nicht schwarz-weiß, erklärte Guillaume-Grabisch, kein Bereich werde untergehen und von einem anderen restlos verdrängt.

Jan Bayer, Vorstand der BILD- und WELT-Gruppe, beobachtet in manchen Konsumentenschichten gar ein „Rollback“ zu gut gemachten Printmedien. Der Grund: Manche Nutzer sehnten sich nach einem „Anfang und Ende einer Story“, wie es in Printprodukten üblich sei. In der digitalen Welt hingegen werde die Information zu einem Stream, der stets aktualitätsgetrieben erscheine, doch nie zum Ende komme. Aber auch in der digitalen Welt sei ein Bedürfnis zur Entschleunigung festzustellen, ein Umstand, der den Wert von Printprodukten stärke und in neuem Licht erscheinen lasse.

500 neue Zeitschriftentitel pro Jahr, etwa 100 überleben

Eine zusätzliche Chance für Print erkennt Philipp Welte in der zunehmenden Einsicht, das Fehler durchaus passieren dürften: „Failure is an option!“ Man müsse ausprobieren und auch in Verbindung mit neuen digitalen Publikationsformen durchaus spielen. Warum Angst davor haben, so der Burda-Manager: „Unsere Branche hat hunderte von Millionen Euro auf dem Scheiterhaufen der eigenen Eitelkeiten verbrannt.“ Welte erinnerte die Zuhörer auch daran, dass pro Jahr etwa 500 neue Zeitschriftentitel gelauncht würden, 100 davon überleben…

Boris Schramm, Managing Director der weltgrößten Mediaagentur GroupM, macht für die Umwälzungen in der Branche nicht die Verlagerung von Print zu Digital verantwortlich. „Unser Thema vielmehr ist substanzieller Content – und das in jedem Kanal.“ Das spiegele sich in vielen Gesprächen mit Kunden: „Der Aufwand, guten Inhalt zu produzieren, wird immer größer.“ Auch neue Technologien könnten diesen Aufwand nicht reduzieren. Darüber müsse die Branche öffentlich diskutieren, um einen Schritt weiter und über die Fokussierung der Diskussion auf „Print vs. Digital“ hinaus zu gelangen.

(v.l.n.r. Boris Schramm, Jan Bayer, Roland Tichy, Béatrice Guillaume-Grabisch, Philipp Welte; Bild: Mediathek Medientage München – vielen Dank!)

„Wir müssen unsere Kunden ernst nehmen“

„Wir müssen unsere Kunden ernst nehmen“

Kluge Worte von Miriam Meckel, Chefredakteurin der Düsseldorfer WirtschaftsWoche (wiwo), bei ihrer Keynote zur Eröffnung der Münchner  Medientage, die unter dem Motto „Digitale Disruption“ stehen. Vor allem drei Botschaften warf die Medienwissenschaftlerin, die als erste Frau den wichtigsten europäischen Medienkongress eröffnete, mit Verve ins vorwiegend männliche Publikum.

„Wir müssen unsere Kunden ernst nehmen“

Erstens: „Weniger ist mehr“. Bezogen wissen will die wiwo-Chefin dies auf die Gesamtheit des digitalen Angebots der Verlage und Medienhäuser. Die Branche habe mit einer Steigerung der Quantität anstelle mit mehr Qualität auf die digitale Herausforderung reagiert. Dabei komme es doch genau in Phasen großer Umbrüche darauf an, kreativ und spielerisch Ideen zu testen, wieder zu verwerfen und mit den besten weiterzumachen. Zu dieser Suche nach neuen Wegen fehle oft jedoch sowohl der Mut als auch die Zeit. Besonders deutlich machte sie diesen Zusammenhang beim Thema Werbung. Viele Nutzer fühlten sich, das zeigten Untersuchungen, extrem genervt von „umkreativen“ und herkömmlichen Werbeformaten im Internet, wie Banner, Pop-ups und Layer. „Würden Sie sich während des Zeitungslesens beim Frühstück anbrüllen oder schubsen lassen?“ Wahrscheinlich nicht. „Wieso also im Internet?“, fragte Meckel, bezogen auf die digitale Reklame. Ebenso nicht zukunftsweisend sei das verbreitete Clickbaiting der Contentpräsentation, das lediglich vermeintlich wichtiger Reichweite diene. Entscheidend allerdings sei eher die Tiefe, der Gehalt an Informationen, sowohl der redaktionellen als auch der werblichen Inhalte: „Wir müssen unsere Kunden ernst nehmen,“ fordert Meckel. Deshalb gehe es nicht um möglichst viele Visits, sondern um die Verweildauer der Nutzer. Ansonsten, so die wiwo-Frontfrau, „behandeln wir uns wie Resterampen der digitalen Zerstreuung“.

„Altes neu denken“

Zweitens: Wer von „Digitaler Disruption“ spreche, müsse zugleich „Digitale Innovation“ auf dem Schirm haben. Dabei könne innovatives Denken und Handeln auch die (Rück-)Besinnung auf längst totgeglaubte digitale Formate wie Online-Newsletter mit einbeziehen. Als Beispiel führte Meckel das US-amerikanische Angebot Quartz (qz.com) an, ein Start-up, das mit einem Mix aus aggregierten und eigenen Inhalten eine „Traumzielgruppe“ erreiche: „Zwischen 35 und 40 Jahre alt und mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von rund 100.000 Dollar“. Außerdem brachte Meckel den Streamingdienst Netflix ins Spiel, der sein früheres Geschäftsmodell aufgegeben und den DVD-Versand digitalisiert hat. „Gute Beispiele, die zeigen, wie Altes neu gedacht wird“, und die den Gegenentwurf zum mutlosen Vorgehen darstellten, aus bestehenden Geschäftsmodellen „das letzte Quäntchen auszuquetschen“.

Hilferufe an die Politik ein „Armutszeugnis“

Drittens: Der Branche fehlt es nach Einschätzung Meckels an Selbstbewusstsein und Strahlkraft. So hält die Medienprofessorin beim Thema Adblocker Hilferufe nach der Politik schlicht für ein „Armutszeugnis“. Bei allen Problemen mit Adblockern, die durch Unterdrückung von Werbung im Netz die Geschäftsgrundlage von Medien gefährden, könne es nicht darum gehen, den Konsum unkreativer Werbung per Gesetz zu legitimieren. Vielmehr sei auch hier Kreativität gefragt. Nutzer auszusperren oder Geschäftsmodelle von der Politik schützen zu lassen sei beides jedenfalls nicht der richtige Weg.

(Bild: Dr. Roman Leuthner)

Finis Germaniae: Was ist eigentlich „deutsch“?

Finis Germaniae: Was ist eigentlich „deutsch“?

Der Zustrom von tausenden Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und anderen Ländern stellt Deutschland auf eine Belastungsprobe und führt vielleicht sogar dazu, das Land zu spalten. Hier die Mutigen und Besonnenen, die die Herausforderung annehmen und in ihr eine notwendige Kraftanstrengung sehen, die gemeinsam bewältigt werden kann. Bei allen Unzulänglichkeiten, organisatorischen Problemen und der Besorgnis wegen der großen Zahlen. Dort die Ängstlichen und „besorgten“ Bürger, die am liebsten die Grenzen schließen würden und sich nicht vorstellen können oder wollen, dass Deutschland die große Zahl an Flüchtlingen integrieren kann.

Insoweit kann die Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen als zwar intensiv geführter aber „normaler“ öffentlicher Diskurs gewertet werden. Nicht nur hierzulande herrschen Besorgnis und der innere Drang danach, die Grenzen zu schließen. Ebenso in anderen Mitgliedstaaten der EU, am ausgeprägtesten in ost- und südosteuropäischen Ländern, wo sich Menschen wachsenden Wohlstand und keine neuen Belastungen erhoffen. All das ist wohl verständlich und allzu „menschlich“. Trotz der Tragödien, die sich Tag für Tag im Mittelmeer und auf den Flüchtlingstrecks nach Europa abspielen. Für die meisten sind diese immer noch weit weg…

Steigbügelhalter für Rassisten

Keineswegs „weit weg“ aber sind Ignoranz, miese Dummheit und dreiste Bauernfängerei. Sie sind mitten unter uns, in der Mitte der Gesellschaft. NPD-Funktionäre, die sich Steigbügelhaltern in der so genannten „Pegida“-Bewegung und der AfD bedienen, um ihr rassistisches Gedankengut unter die Leute zu bringen. Und was uns besondere Sorgen bereiten muss: Menschen, wie du und ich, die plötzlich von „Überfremdung“ und „Das Boot ist voll“ reden. Nicht von ungefähr geht in diesen Tagen die Warnung des Verfassungsschutzes vor einer Penetration rechtsextremen Gedankenguts in „normalen“ bürgerlichen Kreisen durch die Gazetten.

„Deutsch-sein“ als Gegenpol zum „Fremden“

Keine Frage: Wer aktuelle Aufrufe und Plakate von Pegida & Co. und ihren Nachahmern liest, kann sich nur angewidert abwenden. Die „besorgten“ Bürger, die anfangs noch gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ wetterten, weil sie infolge ihrer eigenen Sozialisation wohl noch immer zu wenig Erfahrung mit einem Leben in einer offenen Gesellschaft haben, sind dazu übergegangen, das „Deutsche“ in den Vordergrund zu stellen. Ihr „Deutsch-sein“ als Gegenpol zum drohenden „Fremden“.

Was aber ist das eigentlich: „deutsch“? Was bedeutet das? Welche Wertvorstellungen und Leitlinien sind damit verbunden? Hilft bei diesem Versuch einer Definition wirklich die Vorstellung einer „deutschen Leitkultur“ weiter, die ab und an in einschlägigen politischen Kreisen bemüht wird? Machen wirklich Pünktlichkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit das „deutsche Wesen“ aus, charakterisieren sie, wenigstens im großen Durchschnitt, die in Deutschland lebenden Menschen?

„Deutsch sein“ bedeutet vor allem: Die Sprache zu beherrschen

Wie groß dieser Irrtum doch ist! Nach einer Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität zu Berlin im Oktober 2014 hat sich die Definition nationaler Identität hierzulande fundamental verändert. So zählen für mehr als 8.000 Menschen in Deutschland, die in der dem SPIEGEL vorliegenden repräsentativen Untersuchung befragt wurden, vor allem die deutsche Sprache (96,8 Prozent) und ein deutscher Pass (78,9 Prozent) als Voraussetzung, um als Deutscher zu gelten. Lediglich 37 Prozent sind der Ansicht, dass ein Deutscher auch deutsche Vorfahren haben müsse. Kein Wunder, denn mehr als 25 Prozent (16, 4 Millionen) der heute in Deutschland lebenden Menschen haben nach Angaben des Internetportals statista des Statistischen Bundesamts einen Migrationshintergrund. Dabei zählen zu den Menschen mit Migrationshintergrund alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil. „Deutsch sein“ kann heute deshalb bedeuten: eine schwarze, braune, „gelbe“ oder weiße Hautfarbe zu besitzen und aus allen Winkeln dieser Erde abstammen zu können.

Sarrazin will spalten – sonst nichts

Vor allem die „deutsche“ Volkswirtschaft kann ein Lied davon singen. Unsere wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Lebensbedingungen werden von der Globalisierung geprägt, der internationalen Vernetzung wirtschaftlicher Beziehungen. Thomas Straubhaar, Direktor und Sprecher der Geschäftsführung des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg, hat sich in einer Kolumne für „Die WELT“ mit der Frage „Was ist heute eigentlich noch typisch deutsch?“ auseinandergesetzt. Straubhaar: „55 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie sind den Autochthonen – Deutschen ohne Migrationshintergrund – vollständig gleichgestellt. Sie wählen und werden gewählt. Sie sind Beamte und arbeiten in öffentlichen Einrichtungen, werden Lehrkräfte und unterrichten Kinder und Jugendliche deutscher und ausländischer Eltern,“ und weiter: „Vor allem aber werden die Menschen mit Migrationshintergrund in jeder Beziehung – politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich – mitbestimmen, was ‚deutsch‘ sein und was ‚Deutschland’ ausmachen wird. Was bezweckt da die Forderung von Thilo Sarrazin, dass auch noch in 100 Jahren ‚Deutsche als Deutsche unter Deutschen leben können (sollen), wenn sie das wollen‘.“ Offensichtlich: Gar nichts, höchstens Stimmungsmache und die Spaltung der öffentlichen Meinung. Im Ergebnis jedoch werden Deutsche wie Sarrazin das Monopol über die Definition „Was ist eigentlich deutsch?“ verlieren. Gott sei Dank!

Deutschland: Schon lange ein Zuwanderungsland

Selbstverständlich muss der Zustrom von Flüchtlingen geregelt werden und in geordneten Bahnen verlaufen. Dazu bedarf es eines Einwanderungsgesetzes, das lange schon von aufgeklärten Zeitgenossen gefordert wird – noch immer gegen den Widerstand derjeniger, nach deren Einschätzung einfach „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Dabei ist Deutschland lange schon ein Zuwanderungsland – spätestens seit die zweite Generation der so genannten „Gastarbeiter“ aus der Türkei, aus Italien, Spanien, Griechenland und Portugal hier heimisch geworden ist. Und Deutschland braucht Zuwanderung, denn spätestens zur Mitte dieses Jahrhunderts gäbe es nach Berechnungen des Bundesamtes für Statistik ohne Zuwanderung hierzulande ebenso viele Über-80-Jährige wie Unter-20-Jährige. Konkret: Bei einer Bevölkerung ohne Zuwanderung von dann noch 68,8 Millionen Deutschen wären 10 Millionen Menschen 80 Jahre und älter und 10,4 Millionen 20 Jahre und jünger. Älter als 65 Jahre wären 22,8 Millionen und zwischen 20 und 64 Jahre alt dann nur noch 35,5 Millionen. Das heißt: Deutschland wird ohne Zuwanderung vergreisen, eine einigermaßen gerechte Verteilung gesellschaftlicher Teilhabe und die sozialen Sicherungssysteme würden kollabieren. Wer kann das schon wollen?

Beatles, Döner, Thriller und Netrebko

Deutschland IST multikulturell. Andere Kulturen, Geisteshaltungen, Sitten und Gewohnheiten durchdringen unseren Lebensalltag. „Deutsches“ Essen? Pizza, Pasta, Döner, Kanton-Ente, Sushi, BigMäc…? „Deutsche“ Musik: Beatles, Stones, B.B. King, Roberto Blanco („Der wunderbare Neger“-Freund des bayerischen Innenministers), Diana Petrova und Anna Netrebko, Placido Domingo…? „Deutsches“ TV: Thriller, Western, Comedy…? „Deutsche“ Marken: Unter den Top-15 der Lieblingsmarken der Deutschen firmieren 7 internationale Marken wie beispielsweise Nike, Apple, Esprit oder Samsung und tummeln sich zwischen VW, Audi, BMW, adidas und Mercedes. Deutschland IST international und wird immer internationaler: Als Ferien-Weltmeister bringen Deutsche Impressionen und Bilder aus aller Welt mit nach Hause, das „Weekend“ in New York, das „Shopping Highlight“ in London oder der Trip nach Bali sind für viele erschwinglich geworden. Auslandsaufenthalte deutscher Studenten und ausländische Studierende in Deutschland: Haltungen, Erfahrungen, Weltsichten und Lebensentwürfe haben sich längst verschmolzen. Deutschland als wirtschaftliches Machtzentrum und politische Größe im Herzen Europas ist längst zum melting pot der Ideen und Gedanken von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sozialisation und Hautfarbe geworden. Und genau das macht Deutschland stark und bereichert „deutsche“ Kultur.

Wort-Waffen für die Herrenmenschen-Ideologie

Niemand vor der 12 Jahre andauernden Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten und niemand danach hat sich so intensiv, nachhaltig und penetrant auf das „Deutsch-Sein“ an sich berufen. Blättern wir heute in den Tagebüchern des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels, stoßen wir unentwegt auf die psychopathische Verklärung des „Deutschen“: „deutscher“ Film, „deutsche“ Literatur, „deutsche“ Malerei, „deutsches“ Wesen. Goebbels, Hitler und ihre Verbrecherkumpane haben den Begriff „deutsch“ pervertiert und desavouiert, weil sie „das Deutsche“ als Abgrenzung zum Rest der Welt benutzten, als Urmotiv ihrer fatalen Herrenmenschen-Ideologie. „Deutsch-Sein“ wurde zur Waffe: wie Panzer, Sturzkampfbomber und Granatwerfer. „Deutsch-Sein“ bedeutete in dieser Zeit, sich über alle anderen Nationen zu erheben, sich in jeder Form überlegen zu wähnen. Mit dieser manisch-aggressiven Wahnvorstellung rissen die Nazis Europa in den Abgrund.

Weg zurück in die Völkergemeinschaft

Die Bundesrepublik Deutschland war ein Wunder. Nicht nur ein „Wirtschaftswunder“, weit mehr noch ein politisches Wunder. War es für „Deutschland“ tatsächlich möglich, wieder ein geachtetes Mitglied der Völkergemeinschaft zu werden? Ja, weil die Bundesrepublik unter ihren herausragenden Kanzlern Konrad Adenauer und Willy Brandt die richtigen Weichenstellungen vorgenommen hatte: Adenauer trieb, vom schnell heraufziehenden „Kalten Krieg“ motiviert, den engen Schulterschluss zum Westen voran und leitete die deutsch-französische Versöhnungspolitik ein, und Brandt verfolgte gemeinsam mit Egon Bahr und seinem Konzept „Wandel durch Annäherung“ die Verständigung mit Polen und Russland. Kaum jemand hätte erwartet, dass die Bundesrepublik in der unseligen moralischen „Rechtsnachfolge“ des so genannten „Dritten Reiches“ nach den Vernichtungsfeldzügen in Polen und Russland jemals auf Augenhöhe in Warschau und Moskau über menschliche Erleichterungen jenseits des Eisernen Vorhangs würde verhandeln können. Das unmissverständliche Bekenntnis zu den Werten einer offenen, liberalen und pluralistisch-demokratischen Gesellschaft westlicher Prägung einerseits und die Anerkennung von schuldhafter Verstrickung und Verantwortung andererseits haben der Bundesrepublik den Weg zurück in die Völkergemeinschaft geebnet. Die DDR als Teilstaat Deutschlands unter der Knute der Sowjet-Diktatur konnte diesem Weg nicht folgen. Um so mehr ist die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 als eine weitere glückliche Fügung in der Geschichte zu bezeichnen. Eine glückliche Fügung mit kräftiger Unterstützung der ehemaligen Weltkriegs-Alliierten. Dieses Land hatte, in der zweiten Hälfte des blutdurchtränkten 20. Jahrhunderts, ein schier unfassbares Glück!

Internationaler Respekt für Erfolg, Sicherheit und Stabilität

Deutschland und seine Menschen werden seit langem wieder in der Welt geachtet. Die friedliche Revolution, die zur Wiedervereinigung führte, rief Bewunderung hervor. Deutschlands wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und behutsam-vermittelnde Außenpolitik, seine Sicherheit und Stabilität im Inneren, das beständige Streben nach Ausgleich: Dies alles bringt Respekt. Auch bei allen Widersprüchen, die bei genauem Hinsehen offenkundig werden, beispielsweise die Entwicklung anderer Länder zum Teil behindernde Dominanz deutscher Produkte in heimischen Märkten, die dem Nord-Süd-Gegensatz und dem globalen Armutsgefälle geschuldet und der Vorherrschaft der gesamten westlichen Hemisphäre zugerechnet werden muss.

Null-Toleranz und Zivilcourage

„Deutsch“ sein darf aus den genannten Gründen deshalb nie mehr als Abgrenzung oder gar als „Argument“ gegenüber anderen Nationen und ihren Menschen verwendet werden. Wer das tut, begibt sich außerhalb dieser Gesellschaft und grenzt sich selbst aus. Das muss mit aller Deutlichkeit gesagt und auch vollzogen werden. Wir bekennen uns zu einer demokratischen Grundordnung mit pluralistischer Meinungsvielfalt und Debattenkultur, zu einem Diskurs gegensätzlicher Meinungen und Einschätzungen, der von Toleranz geprägt ist. Toleranz hört jedoch da auf, wo Ansichten verkündet werden, die rassistisch geprägt sind und von Verachtung anderer Menschen und Völker und von einer Überhöhung der eigenen Nation oder Abstammung künden. Das gilt für Islamisten, ebenso aber auch für Deutsche, die Fremde und Flüchtlinge mit Hasstiraden überziehen. In diesem Fall gibt es nur eins: Den Mund aufmachen, Null-Toleranz und Zivilcourage!

Eine „Republik ohne Republikaner“ hatten wir schon einmal.

Signal-Tool von Facebook: „I have a dream“?

Signal-Tool von Facebook: „I have a dream“?

Facebook kündigt die Einführung eines neuen Tools an, das für Journalisten interessant sein kann: ein so genanntes „Signal“-Tool. Damit sollen sich Inhalte aus dem sozialen Netzwerk leichter finden, kuratieren und in eigene Beiträge einbinden lassen.

Das neue Tool soll vor allem dabei helfen, schneller Trends im Content des Netzwerks zu identifizieren und Themen zu filtern. „Signal“ wird bei Facebook als  „Werkzeug zum Entdecken und Kuratieren für Journalisten“ charakterisiert, „um interessante Newsinhalte bei Facebook und Instagram leichter zu finden, zusammenzutragen und einzubinden“.

Auswählen und einordnen muss die Redaktion schon selbst…

Doch weder „Signal“ von Facebook noch die lange eingeführten Tweets bei Twitter können Journalisten, für welche Medien sie auch tätig sind, ihre Hauptarbeit abnehmen: die Auswahl, Einordnung in Zusammenhänge und Timelines, Gewichtung und Bewertung von Informationen und Inhalten im Auftrag der jeweiligen Zielgruppe(n). Das ist weiterhin der Job von Redaktionen, denen es ja noch nie etwas gebracht hat, lediglich auf Trends aufzuspringen. Denn das können andere besser – und vor allem schneller.

Das neue Werkzeug von Facebook kann jedoch Unterstützung signalisieren: zum einen Unterstützung bei der Strukturierung und Priorisierung von „Topics“ im Netz und zum anderen Hilfe bei der Anreicherung eigener Beiträge durch Quotes, Verweise und Bezüge. Mal sehen, was „Signal“ konkret leisten wird. MEEDIA

Ein (1) Millimeter, der die Welt bedeutet?

Bild: Fotolia
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Sie wissen es sicher schon, vielleicht fiebern Sie sogar darauf hin: am Mittwoch dieser Woche wird Apple-CEO Tim Cook den Jüngern des angebissenen Apfels aus dem digitalen Paradies wieder die Neue Frohe Botschaft übermitteln. Richtig: Die übernächste iPhone-Generation scharrt bereits mit den Hufen – nach dem aktuellen iPhone 6s will der IT-Gigant aus Cupertino seine Gläubigen mit der 7er-Version beglücken. Die Eucharistie, die bis zum Release des kommenden Telefoninos, wie man in Italien zum Handy sagt, mindestens bis Mitte 2016 währen dürfte, nimmt ihren Anfang. Das wird ein Weihrauchkesselgeschwenke und Rezitieren frommer Worte bis dahin geben!

Ich weiß ja nicht, wie’s Ihnen geht, doch langsam aber sicher fühle ich mich mitunter schon wie der berühmte Esel, dem die Wurst (oder besser: der Hafer) vor die Nase gehalten wird, auf dass er doch bitteschön losgaloppiere. Wohin die Reise geht, und wohin uns die Damen und Herren von Apple, Google, Microsoft & Co. am liebsten hinlaufen sehen möchten, ist klar: in ihre Stores und Webshops, um das jeweils aktuelle Produkt mit leuchtenden Augen und glühenden Wangen zu erstehen.

Warum eigentlich? 

Nach (wie üblich) best informierten Insiderberichten heißt es, dass das im technischen Geburtskanal rotierende iPhone 7 mit mindestens einem brandneuen Feature glänzen wird: es soll angeblich noch um einen satten Millimeter dünner werden.

So. Und jetzt atmen Sie mal ganz tief durch. Ja, ist es denn die Möglichkeit? Geht’s noch? Das ist ja atemberaubend! Im Ernst: Das kommende iPhone 7 wäre damit so dünn wie das aktuelle iPad Air 2 und der neue iPod touch.

Innovation neu definiert

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin selbst ein ausgemachter Apple-Freak. Ich betrachte den verstorbenen Steve Jobs als einen hochbegabten Technik-Pionier, der die Vokabel „Innovation“ neu definiert hat, und ich gebe zu, dass ich meinen Apple-Park liebe und die ungezählten einfach genialen und so herrlich intuitiv zu bedienenden Features enorm schätze.

Aber auch ich bin nicht dazu bereit, mich ständig durch’s Gelände hetzen und das Gefühl einflüstern zu lassen, ich sei rückständig und aus der Welt gefallen, wenn ich nicht das jeweils brandneue iPhone-, iPad-, iPod-, MacBook- oder iMac-Modell besitze. No, Sir. Mindestens eine Generation lasse ich jeweils  aus. Und erst, wenn ich selbst den Eindruck habe, dass Prozessorleistung, Grafik, Kamera etc. neuen Anforderungen und immer mächtiger werdenden Softwarepakten nicht mehr so ganz gerecht werden, trenne ich mich von einem Gerät und – folge der Wurst.

Ich halte das nicht für unvernünftig. Aber gut: Ich bin ja auch kein Apple-Aktionär, dem die Innovationszyklen noch viel zu langsam gehen…