Wenn wir den Ergebnissen der aktuellen und internationalen OECD-Schulleistungsstudie PISA glauben wollen, sind 20 Prozent der 15-jährigen Schüler in Deutschland nicht mehr dazu in der Lage, den Sinnzusammenhang einfacher Texte zu verstehen. Weil das traurig ist und besonders in der Medienbranche bedenklich stimmen muss, sollten wir dagegen halten. Zumindest versuchsweise und mit einem satirischen Augenzwinkern.

Dass Männer kaum noch lesen, ist ein bekanntes Phänomen. Viele Geschlechtsgenossen schätzen zwar das Prestige und den monetären Wert kostbarer Buchreihen, die in Wohnzimmerschränken und gut ausgeleuchteten Regalen präsentiert werden – die Werke-Sammlungen von Literatur-Nobelpreisträgern, die deutschen Klassiker, die Brockhaus-Gesamtausgabe (oder, sei’s drum, auch Brehms Tierleben oder das Große Meyersche Taschenlexikon) –, geblättert darin wird hingegen selten. Da muss die Sehnenscheidenentzündung in den Handgelenken vom unentwegten „Wisch und Weg“ auf dem Tablet oder vom Smartphone-Scrollen schon ziemlich schmerzhaft sein. Und auch das Fernsehprogramm muss noch miserabler ausfallen als ohnehin. Aber Lesen, richtig l-e-s-e-n? Gott bewahre!

Texte und Konsolen

Deshalb überrascht es kaum, dass unter dem ominösen Fünftel der 15-jährigen Beinahe-Analphabeten vorwiegend Jungs gezählt werden. Mit und ohne Migrationshintergrund. Jungs, – wer verstünde das besser als wir –, die alles lieber tun, als sich langweiligen Texten auszuliefern und kostenbare Lebenszeit totzuschlagen. Jungs, die auf E-Sport stehen und mit der Konsole morgens aufstehen und abends zu Bett gehen. Wenn überhaupt.

Mädchen sind, was das Lesen und das Verstehen betrifft, komplett anders gestrickt, erklären die Macher von PISA. Angeblich lieben sie kognitive Herausforderungen und das Synapsengewitter im Kopf, um manche um sich selbst herum gedrechselte Sätze wie diesen, zu verstehen. Angeblich lieben sie die stille Reflexion und das tiefe In-Sich-Selbst-Hinein-Versenken, das mit einer ernsthaften Lektüre einhergeht. Jungs dagegen, nun ja, sind eher fasziniert von der suggestiven Wirkung der Bilderfluten und von der Action schneller Mausklicks. 

Ein neues Familienmitglied!

Ist das so? Ich bin mir da nicht sicher, wenn ich an ganz alltägliche Erlebnisse denke. Zum Beispiel: Juhu, es klingelt, und der DHL-Bote bringt den neuen Camcorder, der gestern bei Amazon bestellt wurde! Sie wissen, wie ein frisch von der Kunststoff-Folie befreites elektronisches Gerät riecht?! Einfach köstlich! Dumm nur, dass das neue Familienmitglied nicht uns, sondern der Lebensgefährtin gehört.

Interessant aber ist der weitere Ablauf der Ereignisse. Sie (der Mann) dackeln frustriert an den Rechner zurück und tun, was sie im Home Office immer tun: Arbeiten, die Maus traktieren, Dokumente über den Monitor schieben, Mails aussortieren… Da plötzlich: „Sag mal, Schatz, kann es sein, dass der Camcorder kaputt ist? Der Aufnahmemodus funktioniert doch gar nicht!“ 

Mann liest und Frau schmollt

Der erste Impuls lässt sie nach dem Gerät greifen, dann aber fragen Sie: „Hast du die Betriebsanleitung gelesen, da muss doch eine Schritt-für-Schritt-Anleitung drin sein!“ Schon bereuen Sie, denn da ziehen sich Augenbrauen zusammen und eine Stirn legt sich in ansonsten kaum sichtbare Fältchen: „Nein, ich hasse Betriebsanleitungen!“ Und so, wer hätte es gedacht, drehen sich die Rollen um: Mann liest und Frau schmollt. 

Zugegeben, es gibt kaum schlimmeren Lesestoff als Betriebsanleitungen. Besonders die berühmt-berüchtigten „Manuals“ US-amerikanischer oder asiatischer Hersteller, deren Übersetzungen ins Deutsche entweder zu Lachanfällen oder Wutausbrüchen führen. Je nachdem, ob man beim zehnten vergeblichen Versuch, das Ding zum Laufen zu bringen, hysterisch-hektisch oder aggressiv-verzweifelt wird. 

Frische Brötchen

Gleichwohl: Es gilt zu l-e-s-e-n, denn nicht alle komplexen Bauteile lassen sich so intuitiv verstehen wie das MacOS eines MacBook. Immerhin gibt es auch rätselhafte Systeme wie die Microsoft-Office-Suite. Jedenfalls: Frau weigert sich standhaft und hält die Dichter der Betriebsanleitung für „nur doof“. 

Die „Moral von der Geschicht’“? Dass Männer nicht mehr lesen ist eine Verleumdung. Wir in den Medien müssen es nur richtig machen. Lasst uns fortan also Betriebsanleitungen publizieren. Sie werden weggehen wie die frischen Brötchen!

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