Der „Fall Claas Relotius“ beim SPIEGEL ist ein Schlag in die Magengrube. Ein Schlag, dessen Nachwirkungen das Ansehen des Journalismus allgemein und viele Journalisten in ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit erschüttern wird.

Und dieser Schlag kommt zur Unzeit. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Journalismus von Rechtspopulisten und Extremisten jedweder Couleur vielerorts als „systemverordnet“ denunziert und verdächtigt wird, vor allem Fake-News zum Nutzen des sogenannten Establishments in die Welt zu setzen. 

Ein Fest für Verschwörungstheoretiker

Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Pressefreiheit weltweit gefährdet ist und Journalisten in vielen Ländern dieser Erde Leib und Leben riskieren, um zu berichten, was tatsächlich hinter den Theaterkulissen schmieriger Autokratien und in den Gefängnissen harter Diktaturen geschieht. 

„Lügenpresse“? Jawoll, immer fest druff! Ein Fest für Verschwörungstheoretiker.

Die unglaubliche Dreistigkeit, mit der ein vielfach ausgezeichneter und mit Preisen überhäufter „Reporter“ diese Institution unter den seriösen Nachrichtenmedien der Welt geradezu vorgeführt hat, ist aber nur die allzu offensichtliche Oberfläche der Geschichte, die der SPIEGEL mit aufklärerischer Attitüde selbst entblößt. Die andere rührt tiefer.

„Sagen, was ist“

Sie verweist darauf, wie sehr das Geschäft mit journalistischen Inhalten, mit News, Daten und Fakten aller Art, mit Interviews, Reportagen und Features tatsächlich zu einem Business geworden ist, das weitaus mehr auf die Gesetze der Ökonomie hört, denn auf den von SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein selbst formulierten Anspruch, zu „sagen, was ist“. Kann es sein, dass bisweilen nicht die Essenz der Wahrheit und die Wahrhaftigkeit der Recherche die Qualität im viel zitierten „Qualitätsjournalismus“ definiert, sondern sprachliches Ausdrucksvermögen und die metaphorische Gewalt kunstvoll gedrechselter Sätze? 

Gute und spannende Geschichten sind die Währung der Nachrichtenbranche. Sie lassen sich versilbern und die Journalistenpreise, die dafür aufgerufen werden, zahlen unmittelbar mit steigenden Verkaufszahlen und mittelbar mit wachsendem Ansehen in die Kassen von Medienhäusern ein. Wenn aber das Storytelling für Journalisten auch im Rahmen der digitalisierten und multimedialen Inhalteproduktion im Vordergrund steht, um ihre Beiträge im immer härter werdenden Wettbewerb am Kiosk, in den Zeitschriftenmärkten und im Internet zu verkaufen, kann die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion fließend werden.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Deshalb ist der „Fall Claas Relotius“, dessen Aufarbeitung im SPIEGEL sich selbst wie der neue Forsyth, Grisham oder Le Carré liest, nicht nur ein GAU für den Journalismus allgemein und das stolze Nachrichtenmagazin aus Hamburg im besonderen, sondern auch ein Weckruf für die ganze Branche. Seien wir ehrlich: Wie oft werden redaktionelle Inhalte unter dem Schlachtruf „Content is King“ vielerorts als alter Wein in neuen Schläuchen über alle denkbaren Medienkanäle als originäre Leistung mehrfach angeboten und verkauft? Wie selten ist mittlerweile die aufrichtige und nachweisliche Trennung zwischen redaktionellen Beiträgen und verkäuferischen Intentionen geworden? Wie leicht wiegen mitunter unangenehme journalistische Recherchen im Wettstreit mit wirtschaftlichen Interessen? 

Nein, all das kann nicht zur Entlastung für das Fehlverhalten eines einzelnen Journalisten dienen und hat auch nichts mit der Erfindung von Personen und der „Verdichtung“ realer Informationen zu griffigen Storys zu tun. Aber es schärft den Blick auf das, was wir in der Medienbranche tun und wofür wir es tun. Journalistische Beiträge, „Geschichten“ und News, sind eben nicht nur Produkte, die nach marktwirtschaftlichen Gesetzen an den Nachrichtenbörsen dieser Welt gehandelt werden und mehr oder weniger Geld in die Kassen spülen, sondern sie gehören zum „Kitt“ westlicher Gesellschaften, die vom freien öffentlichen Diskurs leben. Dazu müssen journalistische Informationen authentisch, wahrhaftig und relevant sein. 

Journalismus: das Kerngeschäft der Branche

Zugleich bildet ihre Beschaffung, Aufbereitung und Präsentation das Kerngeschäft der Branche, die sich allzu leicht von technologischen Innovationen und institutionellen Debatten ablenken lässt und viel zu häufig um sich selbst kreist. Und lediglich diese journalistische Information, falls sie tatsächlich authentisch, wahrhaftig und relevant ist, schafft Legitimation und Vertrauen in Medien, das diese dringender benötigen als je zuvor. 

Der „Fall Claas Relotius“: ein Weckruf, der zwar zur Unzeit, aber hoffentlich noch zur rechten Zeit erfolgt.

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