Gerade zurück von den Medientagen in München, den Rucksack noch immer gut gefüllt mit frischen Ideen und Projekten für crossmediale Storys über die spannende Verbindung zwischen Zeitungen, Magazinen und digitalen Angeboten, die Masse an Denkstoff noch lange nicht zu Ende gebloggt und verpostet – da veröffentlicht kress.de ein denkwürdiges Interview mit Michael Konken, dem scheidenden Bundesvorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV). Der 62-jährige Konken will nach zwölf Jahren nicht mehr zur Wiederwahl antreten und sich seinen Tätigkeiten als Dozent und freier Journalist widmen.

Satire oder Real-Satire?

Wir Medienmenschen sind mittlerweile ja gewöhnt an satirische Überzeichnungen und Verfremdungen tatsächlicher Begebenheiten, die in Social-Media-Channels wie Facebook und Twitter ja zu einem regelrechten Volkssport geworden sind. Deshalb wusste ich beim ersten Scanning des Beitrags auf kress.de nicht so recht, ob mich ein Spaßvogel in der Redaktion verkohlen und an der Nase herumführen wollte. Aber nein, es ist offensichtlich ernst zu nehmen, was da steht, und was der Noch-DJV-Chef zu Protokoll gibt.

„Das wichtigste Thema wird aus meiner Sicht die Finanzierung des Journalismus werden. Damit meine ich nicht die Verlage und Sender, sondern den Journalismus,“ nimmt Konken Anlauf, und dann: „Wenn sich der Auflagenrückgang so fortsetzt, werden wir in zehn Jahren weniger Zeitungen haben.“ Mit dieser Prognose hat der Journalist im Rückblick auf die vergangenen zwei Jahrzehnte, in deren Verlauf deutsche Zeitungen etwa 40 Prozent an Auflage eingebüßt haben, sicher nicht Unrecht. Aber dann: „Wir werden ein ähnliches Modell wie bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten brauchen. Ich halte es für realistisch, dass eine Haushaltsabgabe für Zeitungen, egal ob sie als Printprodukte oder online erscheinen, eingeführt wird. Wie soll sonst zum Beispiel Lokalpolitik noch an die Bürger vermittelt werden? Dafür brauchen wir starke Lokal- und Regionalzeitungen.“

„Wenn Print stirbt, stirbt auch Online“ (?)

Wie gesagt: Ich habe das – zunächst – für Satire gehalten. Aber es gehört wohl inzwischen zur Realität, dass der (wenn auch scheidende) Chef des deutschen Journalistenverbands eine öffentliche „Rundfunk“-Abgabe für den Erhalt der Mediengattung Zeitung fordert. Aus meiner Sicht ist das unfassbar! Völlig an der Wirklichkeit vorbei geht auch ein Nachsatz Konkens: „Wenn Print stirbt, stirbt auch Online, da das Geld immer noch über die Printprodukte erwirtschaftet wird. Trotz der Bezahlschranken gibt es bisher noch kein tragfähiges Geschäftsmodell für den Online-Journalismus.“

Nein, „Online“ – mit diesem Begriff meint er wohl Online-Journalismus – wird keineswegs „sterben“. Allerdings wird er sich völlig anders präsentieren, als es gelernten Print-Journalisten vorstellbar sein mag. Er wird sich noch kleinteiliger, schneller, multimedialer, nutzwertiger und unmittelbarer als heute präsentieren. Er wird sich neue und noch intensivere Formen der Kundenkommunikation und der permanenten Interaktion mit Lesern und Nutzern zu eigen machen. Und er wird, das ist eine conditio sine qua non, die Medienmarke in den Mittelpunkt rücken, die Marke, die aus gedruckten und digitalen Formaten besteht, aus Text und wechselnden audiovisuellen Elementen. Das ein oder andere Panel bei den Medientagen hat starke Eindrücke davon vermittelt. Und: Wer sagt denn, dass nicht wenige Medienhäuser mit starken Printmarken (darunter viele Zeitungsverlage) sich nicht längst auf den Weg zur digitalen Transformation gemacht haben?  Die Transformation hat, jedenfalls in München, ganz deutlich die Disruption geschlagen, es war viel mehr von Evolution als von Revolution zu sehen…

Es gibt nicht das allein selig machende Geschäftsmodell

Ein Soli für die Lokalzeitung und eine Straßenmaut für Digitales? Um Gottes willen. Wer das Interesse an Printprodukten endgültig ruinieren möchte, der soll nach solchen Mitteln greifen. Subventionen gibt es in Deutschland zur Genüge. Sie haben immer zum gleichen Ergebnis geführt: Branchen, die damit gefördert und deren Produkte vor dem Wettbewerb geschützt werden sollten, standen niemals im Ruf, besonders innovativ zu sein. Doch genau das braucht die Medienbranche im Jahr 2015: Lust am Neuen, Neugier, Freude an der Veränderung! Wie sagt ein chinesisches Sprichwort: “ Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern – und die anderen Windmühlen.“ Print braucht keine Mauern, Print braucht Windmühlen! Überdies bestehen auch Windmühlen aus vielen kleinen Bauteilen und sind selten das Ergebnis eines großen „Wurfs“: Deshalb wird es aller Voraussicht nach auch niemals das einzige wahre und kohärente „Geschäftsmodell Online-Journalismus“ geben. Vielmehr wird es viele unterschiedliche Arten der Monetarisierung geben – Paywalls, Fremium und Metered Models, Abos und Paid-Content, Online- und Digital First und vieles mehr. Je nach Zielgruppe, Nutzerinteresse und Mediengattung.

Und was ist mit der „Lügenpresse“? Auch darauf geht der Noch-Frontmann des DJV ein: „Wir müssen uns verstärkt um die Glaubwürdigkeit des Journalismus kümmern.“ Aber bitte doch nicht mit Subventionen! Das wäre doch Wasser auf die Mühlen von Pegida, AfD & Co.

(3 Bilder: Fotolia)
Hier lesen Sie das vollständige Interview mit Michael Konken

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