Von Phillip Welte, Verlagsvorstand Hubert Burda Media, ist bekannt, dass er rhetorische Feuerwerke entzünden kann. So geschehen anlässlich der Münchener Medientage 2015 in seiner Keynote zur Podiumsdebatte „Faszination Print. Zukunft ist machbar!“

Welte bringt das fehlende Selbstverständnis der Branche in Rage: „Unsere Industrie gefällt sich darin, das Hohe Lied vom Niedergang zu singen.“ Doch wie sieht es denn wirklich aus? Der Manager: „Es ist doch nicht nur die Medienlandschaft, die sich in dieser Zeit radikal verändert. Der Change ist doch überall: Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft. All das verändert sich mit der Digitalisierung doch ebenso.“ Und auch, wenn in den klassischen und vertrauten Unternehmensbereichen eines Verlags, in Redaktion, Vertrieb, Verkauf, Kundenkommunikation und Marketing, kein Stein auf dem anderen bleibe – „Der Kern des Geschäfts hat sich keinesfalls verändert. Denn nach wie vor schaffen wir mit unseren Produkten emotionale Bindungen zu Menschen und monetarisieren diese Bindungen.“ Dies sei sei nach wie vor das Geschäftsmodell eines Medienhauses.

1 Zettabyte an Informationen im digitalen Universum

So what?, möchte der Chronist anfügen. Aber: „Natürlich haben wir es mit erheblichen Veränderungen zu tun, die uns Probleme bereiten. Wir sehen eine hohe Volatilität des Marktes und spüren die Unbeständigkeit von Marktentwicklungen. Das schafft Unsicherheit.“ Die wesentliche Veränderung allerdings entstehe durch neue Technologien, die ins Verlagsgeschäft integriert und beherrschbar gemacht werden müssten. Während das traditionelle Publishing-Business in einer Welt der Knappheit an Information und Unterhaltung groß geworden sei, sehe sich die Branche heute einem Zettabyte an Informationen (Daten) im digitalen Universum gegenüber: „Eine 10 mit 21 Nullen…“

Die technologische Entwicklung mit ihrer Geschwindigkeit und Vielfalt also ist der Innovationstreiber, der für Verlage immense Komplexitätsanforderungen mitbringt. Doch, und das stellt Welte wiederholt in den Mittelpunkt seiner Keynote, ist die eigentliche Herausforderung: „Diese Komplexität muss gemanagt werden. Da sind wir im Verlagsgeschäft mitten drin, diese Herausforderung haben wir längst angenommen, und das bedeutet – wir leben und sind keineswegs krank oder tot!“

Technologische Innovation (High Tech) vs. Emotion (High Touch)

Denn je mehr neue Technologien sich in der Welt breit machten, desto größer sei die menschliche Sehnsucht nach Emotionen. Ein Zusammenhang, den der US-amerikanische Trend- und Zukunftsforscher John Naisbitt in seinem weltweit bekannten Werk „Megatrends“ auf das zivilisatorische Spannungsverhältnis zwischen High Tech und „High Touch“ brachte. Welte: „Unsere Magazine befriedigen die Sehnsüchte der Seele.“ Anders sei es nicht zu erklären, dass in Deutschland Jahr für Jahr rund 2,5 Milliarden Zeitschriftenexemplare verkauft werden und Burda 53 Millionen Menschen mit seinen Titeln erreiche.

„Ja, Print fasziniert weiterhin. Unsere Marken faszinieren,“ folgert Welte. Deshalb wären auch journalistische Inhalte noch nie so gefragt wie heute. Allerdings: „Der Konsument ist unser unternehmerischer Imperativ!“ Deshalb müsse jedes Publishingunternehmen heute seine Inhalte souverän und professionell in allen zur Verfügung stehenden Kanälen distribuieren. Mit diesem Dreiklang aber – Leidenschaft für Journalismus, Fokussierung auf den Konsumenten und die Begeisterung für die Publikationsmöglichkeiten neuer Technologien – werde auch Print eine sichere Zukunft haben.

„Die Medienwelt ist nicht schwarz-weiß“

Auch Béatrice Guillaume-Grabisch, Chief Executive Officer Nestlé Deutschland, glaubt an das Geschäftsmodell Print. In der von Roland Tichy, früherer Chefredakteur der WirtschaftsWoche und aktuell Herausgeber der Xing-News (das Business-Netzwerk baut zurzeit eine eigene Wirtschaftsredaktion auf), geleiteten Podiumsdiskussion forderte die Kommunikationsmanagerin allerdings eine gleichbleibend hohe Qualität aller Contents. Darüber hinaus sei ein jeweils attraktiver Mediamix unterschiedlicher Formate sowie die persönliche Ansprache und Betreuung der Konsumenten notwendig. Auch die Medienwelt sei nicht schwarz-weiß, erklärte Guillaume-Grabisch, kein Bereich werde untergehen und von einem anderen restlos verdrängt.

Jan Bayer, Vorstand der BILD- und WELT-Gruppe, beobachtet in manchen Konsumentenschichten gar ein „Rollback“ zu gut gemachten Printmedien. Der Grund: Manche Nutzer sehnten sich nach einem „Anfang und Ende einer Story“, wie es in Printprodukten üblich sei. In der digitalen Welt hingegen werde die Information zu einem Stream, der stets aktualitätsgetrieben erscheine, doch nie zum Ende komme. Aber auch in der digitalen Welt sei ein Bedürfnis zur Entschleunigung festzustellen, ein Umstand, der den Wert von Printprodukten stärke und in neuem Licht erscheinen lasse.

500 neue Zeitschriftentitel pro Jahr, etwa 100 überleben

Eine zusätzliche Chance für Print erkennt Philipp Welte in der zunehmenden Einsicht, das Fehler durchaus passieren dürften: „Failure is an option!“ Man müsse ausprobieren und auch in Verbindung mit neuen digitalen Publikationsformen durchaus spielen. Warum Angst davor haben, so der Burda-Manager: „Unsere Branche hat hunderte von Millionen Euro auf dem Scheiterhaufen der eigenen Eitelkeiten verbrannt.“ Welte erinnerte die Zuhörer auch daran, dass pro Jahr etwa 500 neue Zeitschriftentitel gelauncht würden, 100 davon überleben…

Boris Schramm, Managing Director der weltgrößten Mediaagentur GroupM, macht für die Umwälzungen in der Branche nicht die Verlagerung von Print zu Digital verantwortlich. „Unser Thema vielmehr ist substanzieller Content – und das in jedem Kanal.“ Das spiegele sich in vielen Gesprächen mit Kunden: „Der Aufwand, guten Inhalt zu produzieren, wird immer größer.“ Auch neue Technologien könnten diesen Aufwand nicht reduzieren. Darüber müsse die Branche öffentlich diskutieren, um einen Schritt weiter und über die Fokussierung der Diskussion auf „Print vs. Digital“ hinaus zu gelangen.

(v.l.n.r. Boris Schramm, Jan Bayer, Roland Tichy, Béatrice Guillaume-Grabisch, Philipp Welte; Bild: Mediathek Medientage München – vielen Dank!)

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