Der Zustrom von tausenden Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und anderen Ländern stellt Deutschland auf eine Belastungsprobe und führt vielleicht sogar dazu, das Land zu spalten. Hier die Mutigen und Besonnenen, die die Herausforderung annehmen und in ihr eine notwendige Kraftanstrengung sehen, die gemeinsam bewältigt werden kann. Bei allen Unzulänglichkeiten, organisatorischen Problemen und der Besorgnis wegen der großen Zahlen. Dort die Ängstlichen und „besorgten“ Bürger, die am liebsten die Grenzen schließen würden und sich nicht vorstellen können oder wollen, dass Deutschland die große Zahl an Flüchtlingen integrieren kann.

Insoweit kann die Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen als zwar intensiv geführter aber „normaler“ öffentlicher Diskurs gewertet werden. Nicht nur hierzulande herrschen Besorgnis und der innere Drang danach, die Grenzen zu schließen. Ebenso in anderen Mitgliedstaaten der EU, am ausgeprägtesten in ost- und südosteuropäischen Ländern, wo sich Menschen wachsenden Wohlstand und keine neuen Belastungen erhoffen. All das ist wohl verständlich und allzu „menschlich“. Trotz der Tragödien, die sich Tag für Tag im Mittelmeer und auf den Flüchtlingstrecks nach Europa abspielen. Für die meisten sind diese immer noch weit weg…

Steigbügelhalter für Rassisten

Keineswegs „weit weg“ aber sind Ignoranz, miese Dummheit und dreiste Bauernfängerei. Sie sind mitten unter uns, in der Mitte der Gesellschaft. NPD-Funktionäre, die sich Steigbügelhaltern in der so genannten „Pegida“-Bewegung und der AfD bedienen, um ihr rassistisches Gedankengut unter die Leute zu bringen. Und was uns besondere Sorgen bereiten muss: Menschen, wie du und ich, die plötzlich von „Überfremdung“ und „Das Boot ist voll“ reden. Nicht von ungefähr geht in diesen Tagen die Warnung des Verfassungsschutzes vor einer Penetration rechtsextremen Gedankenguts in „normalen“ bürgerlichen Kreisen durch die Gazetten.

„Deutsch-sein“ als Gegenpol zum „Fremden“

Keine Frage: Wer aktuelle Aufrufe und Plakate von Pegida & Co. und ihren Nachahmern liest, kann sich nur angewidert abwenden. Die „besorgten“ Bürger, die anfangs noch gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ wetterten, weil sie infolge ihrer eigenen Sozialisation wohl noch immer zu wenig Erfahrung mit einem Leben in einer offenen Gesellschaft haben, sind dazu übergegangen, das „Deutsche“ in den Vordergrund zu stellen. Ihr „Deutsch-sein“ als Gegenpol zum drohenden „Fremden“.

Was aber ist das eigentlich: „deutsch“? Was bedeutet das? Welche Wertvorstellungen und Leitlinien sind damit verbunden? Hilft bei diesem Versuch einer Definition wirklich die Vorstellung einer „deutschen Leitkultur“ weiter, die ab und an in einschlägigen politischen Kreisen bemüht wird? Machen wirklich Pünktlichkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit das „deutsche Wesen“ aus, charakterisieren sie, wenigstens im großen Durchschnitt, die in Deutschland lebenden Menschen?

„Deutsch sein“ bedeutet vor allem: Die Sprache zu beherrschen

Wie groß dieser Irrtum doch ist! Nach einer Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität zu Berlin im Oktober 2014 hat sich die Definition nationaler Identität hierzulande fundamental verändert. So zählen für mehr als 8.000 Menschen in Deutschland, die in der dem SPIEGEL vorliegenden repräsentativen Untersuchung befragt wurden, vor allem die deutsche Sprache (96,8 Prozent) und ein deutscher Pass (78,9 Prozent) als Voraussetzung, um als Deutscher zu gelten. Lediglich 37 Prozent sind der Ansicht, dass ein Deutscher auch deutsche Vorfahren haben müsse. Kein Wunder, denn mehr als 25 Prozent (16, 4 Millionen) der heute in Deutschland lebenden Menschen haben nach Angaben des Internetportals statista des Statistischen Bundesamts einen Migrationshintergrund. Dabei zählen zu den Menschen mit Migrationshintergrund alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil. „Deutsch sein“ kann heute deshalb bedeuten: eine schwarze, braune, „gelbe“ oder weiße Hautfarbe zu besitzen und aus allen Winkeln dieser Erde abstammen zu können.

Sarrazin will spalten – sonst nichts

Vor allem die „deutsche“ Volkswirtschaft kann ein Lied davon singen. Unsere wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Lebensbedingungen werden von der Globalisierung geprägt, der internationalen Vernetzung wirtschaftlicher Beziehungen. Thomas Straubhaar, Direktor und Sprecher der Geschäftsführung des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg, hat sich in einer Kolumne für „Die WELT“ mit der Frage „Was ist heute eigentlich noch typisch deutsch?“ auseinandergesetzt. Straubhaar: „55 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie sind den Autochthonen – Deutschen ohne Migrationshintergrund – vollständig gleichgestellt. Sie wählen und werden gewählt. Sie sind Beamte und arbeiten in öffentlichen Einrichtungen, werden Lehrkräfte und unterrichten Kinder und Jugendliche deutscher und ausländischer Eltern,“ und weiter: „Vor allem aber werden die Menschen mit Migrationshintergrund in jeder Beziehung – politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich – mitbestimmen, was ‚deutsch‘ sein und was ‚Deutschland’ ausmachen wird. Was bezweckt da die Forderung von Thilo Sarrazin, dass auch noch in 100 Jahren ‚Deutsche als Deutsche unter Deutschen leben können (sollen), wenn sie das wollen‘.“ Offensichtlich: Gar nichts, höchstens Stimmungsmache und die Spaltung der öffentlichen Meinung. Im Ergebnis jedoch werden Deutsche wie Sarrazin das Monopol über die Definition „Was ist eigentlich deutsch?“ verlieren. Gott sei Dank!

Deutschland: Schon lange ein Zuwanderungsland

Selbstverständlich muss der Zustrom von Flüchtlingen geregelt werden und in geordneten Bahnen verlaufen. Dazu bedarf es eines Einwanderungsgesetzes, das lange schon von aufgeklärten Zeitgenossen gefordert wird – noch immer gegen den Widerstand derjeniger, nach deren Einschätzung einfach „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Dabei ist Deutschland lange schon ein Zuwanderungsland – spätestens seit die zweite Generation der so genannten „Gastarbeiter“ aus der Türkei, aus Italien, Spanien, Griechenland und Portugal hier heimisch geworden ist. Und Deutschland braucht Zuwanderung, denn spätestens zur Mitte dieses Jahrhunderts gäbe es nach Berechnungen des Bundesamtes für Statistik ohne Zuwanderung hierzulande ebenso viele Über-80-Jährige wie Unter-20-Jährige. Konkret: Bei einer Bevölkerung ohne Zuwanderung von dann noch 68,8 Millionen Deutschen wären 10 Millionen Menschen 80 Jahre und älter und 10,4 Millionen 20 Jahre und jünger. Älter als 65 Jahre wären 22,8 Millionen und zwischen 20 und 64 Jahre alt dann nur noch 35,5 Millionen. Das heißt: Deutschland wird ohne Zuwanderung vergreisen, eine einigermaßen gerechte Verteilung gesellschaftlicher Teilhabe und die sozialen Sicherungssysteme würden kollabieren. Wer kann das schon wollen?

Beatles, Döner, Thriller und Netrebko

Deutschland IST multikulturell. Andere Kulturen, Geisteshaltungen, Sitten und Gewohnheiten durchdringen unseren Lebensalltag. „Deutsches“ Essen? Pizza, Pasta, Döner, Kanton-Ente, Sushi, BigMäc…? „Deutsche“ Musik: Beatles, Stones, B.B. King, Roberto Blanco („Der wunderbare Neger“-Freund des bayerischen Innenministers), Diana Petrova und Anna Netrebko, Placido Domingo…? „Deutsches“ TV: Thriller, Western, Comedy…? „Deutsche“ Marken: Unter den Top-15 der Lieblingsmarken der Deutschen firmieren 7 internationale Marken wie beispielsweise Nike, Apple, Esprit oder Samsung und tummeln sich zwischen VW, Audi, BMW, adidas und Mercedes. Deutschland IST international und wird immer internationaler: Als Ferien-Weltmeister bringen Deutsche Impressionen und Bilder aus aller Welt mit nach Hause, das „Weekend“ in New York, das „Shopping Highlight“ in London oder der Trip nach Bali sind für viele erschwinglich geworden. Auslandsaufenthalte deutscher Studenten und ausländische Studierende in Deutschland: Haltungen, Erfahrungen, Weltsichten und Lebensentwürfe haben sich längst verschmolzen. Deutschland als wirtschaftliches Machtzentrum und politische Größe im Herzen Europas ist längst zum melting pot der Ideen und Gedanken von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Sozialisation und Hautfarbe geworden. Und genau das macht Deutschland stark und bereichert „deutsche“ Kultur.

Wort-Waffen für die Herrenmenschen-Ideologie

Niemand vor der 12 Jahre andauernden Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten und niemand danach hat sich so intensiv, nachhaltig und penetrant auf das „Deutsch-Sein“ an sich berufen. Blättern wir heute in den Tagebüchern des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels, stoßen wir unentwegt auf die psychopathische Verklärung des „Deutschen“: „deutscher“ Film, „deutsche“ Literatur, „deutsche“ Malerei, „deutsches“ Wesen. Goebbels, Hitler und ihre Verbrecherkumpane haben den Begriff „deutsch“ pervertiert und desavouiert, weil sie „das Deutsche“ als Abgrenzung zum Rest der Welt benutzten, als Urmotiv ihrer fatalen Herrenmenschen-Ideologie. „Deutsch-Sein“ wurde zur Waffe: wie Panzer, Sturzkampfbomber und Granatwerfer. „Deutsch-Sein“ bedeutete in dieser Zeit, sich über alle anderen Nationen zu erheben, sich in jeder Form überlegen zu wähnen. Mit dieser manisch-aggressiven Wahnvorstellung rissen die Nazis Europa in den Abgrund.

Weg zurück in die Völkergemeinschaft

Die Bundesrepublik Deutschland war ein Wunder. Nicht nur ein „Wirtschaftswunder“, weit mehr noch ein politisches Wunder. War es für „Deutschland“ tatsächlich möglich, wieder ein geachtetes Mitglied der Völkergemeinschaft zu werden? Ja, weil die Bundesrepublik unter ihren herausragenden Kanzlern Konrad Adenauer und Willy Brandt die richtigen Weichenstellungen vorgenommen hatte: Adenauer trieb, vom schnell heraufziehenden „Kalten Krieg“ motiviert, den engen Schulterschluss zum Westen voran und leitete die deutsch-französische Versöhnungspolitik ein, und Brandt verfolgte gemeinsam mit Egon Bahr und seinem Konzept „Wandel durch Annäherung“ die Verständigung mit Polen und Russland. Kaum jemand hätte erwartet, dass die Bundesrepublik in der unseligen moralischen „Rechtsnachfolge“ des so genannten „Dritten Reiches“ nach den Vernichtungsfeldzügen in Polen und Russland jemals auf Augenhöhe in Warschau und Moskau über menschliche Erleichterungen jenseits des Eisernen Vorhangs würde verhandeln können. Das unmissverständliche Bekenntnis zu den Werten einer offenen, liberalen und pluralistisch-demokratischen Gesellschaft westlicher Prägung einerseits und die Anerkennung von schuldhafter Verstrickung und Verantwortung andererseits haben der Bundesrepublik den Weg zurück in die Völkergemeinschaft geebnet. Die DDR als Teilstaat Deutschlands unter der Knute der Sowjet-Diktatur konnte diesem Weg nicht folgen. Um so mehr ist die Wiedervereinigung Deutschlands 1990 als eine weitere glückliche Fügung in der Geschichte zu bezeichnen. Eine glückliche Fügung mit kräftiger Unterstützung der ehemaligen Weltkriegs-Alliierten. Dieses Land hatte, in der zweiten Hälfte des blutdurchtränkten 20. Jahrhunderts, ein schier unfassbares Glück!

Internationaler Respekt für Erfolg, Sicherheit und Stabilität

Deutschland und seine Menschen werden seit langem wieder in der Welt geachtet. Die friedliche Revolution, die zur Wiedervereinigung führte, rief Bewunderung hervor. Deutschlands wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und behutsam-vermittelnde Außenpolitik, seine Sicherheit und Stabilität im Inneren, das beständige Streben nach Ausgleich: Dies alles bringt Respekt. Auch bei allen Widersprüchen, die bei genauem Hinsehen offenkundig werden, beispielsweise die Entwicklung anderer Länder zum Teil behindernde Dominanz deutscher Produkte in heimischen Märkten, die dem Nord-Süd-Gegensatz und dem globalen Armutsgefälle geschuldet und der Vorherrschaft der gesamten westlichen Hemisphäre zugerechnet werden muss.

Null-Toleranz und Zivilcourage

„Deutsch“ sein darf aus den genannten Gründen deshalb nie mehr als Abgrenzung oder gar als „Argument“ gegenüber anderen Nationen und ihren Menschen verwendet werden. Wer das tut, begibt sich außerhalb dieser Gesellschaft und grenzt sich selbst aus. Das muss mit aller Deutlichkeit gesagt und auch vollzogen werden. Wir bekennen uns zu einer demokratischen Grundordnung mit pluralistischer Meinungsvielfalt und Debattenkultur, zu einem Diskurs gegensätzlicher Meinungen und Einschätzungen, der von Toleranz geprägt ist. Toleranz hört jedoch da auf, wo Ansichten verkündet werden, die rassistisch geprägt sind und von Verachtung anderer Menschen und Völker und von einer Überhöhung der eigenen Nation oder Abstammung künden. Das gilt für Islamisten, ebenso aber auch für Deutsche, die Fremde und Flüchtlinge mit Hasstiraden überziehen. In diesem Fall gibt es nur eins: Den Mund aufmachen, Null-Toleranz und Zivilcourage!

Eine „Republik ohne Republikaner“ hatten wir schon einmal.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s