Die Flüchtlingskrise entzweit Europa. So unmittelbar mit dem Schicksal entwurzelter und von nackter Gewalt aus ihrer Heimat vertriebener Menschen konfrontiert zu sein – nicht weit von uns entfernt, sondern unmittelbar im eigenen „Wohnzimmer“ – schürt Ängste und Unsicherheit. Wie sollen wir mit dieser Tragödie umgehen, wie vielen Menschen kann geholfen werden, wer darf bleiben, wer muss gehen, wie wird sich der Exodus weiterentwickeln, und wie reagieren wir? Fragen über Fragen, für die nur ideologisch verblendete Mitbürger schnelle Antworten parat haben. Eine gigantische Herausforderung, der wir uns alle unvermittelt gegenübersehen.

„Die“ Medien behandeln das Flüchtlingsdrama auf höchst unterschiedliche Weise, je nach den Erwartungen und Bedürfnissen ihrer Zielgruppen, je nach ihrer Positionierung im sozialen und politischen Milieu. Die aktuelle Berichterstattung in Fernsehen und Hörfunk, ungezählte Aufmacher in Zeitungen und Magazinen, Sonderausgaben, das pausenlose Kontinuum einer Flut an Interviews, Statements und Reportagen in digitalen Kanälen entfacht ein Trommelfeuer, das nicht wenige Medienkonsumenten überfordert und psychologische Reflexe stimuliert, die wir auch in Verbindung mit anderen Themen kennen, die schwer zu ertragen und in ihrer Komplexität noch schwerer zu verstehen sind. „Es muss doch auch mal wieder gut sein, ich kann es nicht mehr hören und sehen…“

Symbol einer Katastrophe

Und dann: die Bilder. Ströme von Flüchtlingen an den Grenzen, um Hoffnung kämpfende Familien in Zügen, an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen. Die Bilder von Gestrandeten und Ertrunkenen. Was sollen Medien zeigen, was dürfen sie zeigen, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, hintergründig Quoten und Auflagen im Sinn zu haben? Das Foto des ertrunkenen Jungen Aylan am türkischen Strand von Bodrum, das alle, die Mensch sind, zutiefst schockiert, emotional aufrüttelt und zu Tränen rührt. Darf so ein Foto gezeigt werden, ein Bild, das weltweit und über Nacht zum Symbol einer ungeheuren Katastrophe menschlichen Leids geworden ist?

Ja, Medien sollten es zeigen. Auch wenn es Streit in der Branche unter den großen Publikumstiteln Spiegel, Stern, Süddeutsche, Zeit, Bild, Welt und taz darüber gibt. Die Wahrheit MUSS gezeigt werden, das ist die Pflicht von Medien: Zeigen, was ist, wo Gewalt sich Bahn bricht, wo Menschen Menschen Leid zufügen. Nur so bleibt Raum für Hoffnung, Hoffnung auf Besserung, Hoffnung darauf, dass künftig früher und entschlossener gehandelt wird, wo gestern weggeschaut und die Verantwortung weggeschoben wurde. Hoffnung darauf, dass auch hierzulande noch mehr Menschen begreifen, welche Bedeutung die Auseinandersetzung mit Politik und Zeitgeschichte hat. Für andere und für sie persönlich. Hoffnung darauf, dass Politiker und Parteien in die Verantwortung genommen werden, und wir alle nicht einfach „gewähren“ lassen.

Bilder transportieren die Tragweite von Ereignissen

Robert Capa hat mit seinem berühmten Foto vom sterbenden Soldaten im Zweiten Weltkrieg gezeigt, wie Krieg ist: brutal, grausam, herzzerreissend. Die ebenso weltberühmten Fotografien der von Napalmbomben in Vietnam gepeinigten Menschen, von mordenden Kindersoldaten in Afrika und von Opfern der arabischen Bürgerkriege: diese Bilder dokumentieren die Wirklichkeit, in all ihrem Schrecken. Es wäre uns lieber, solche Bilder nicht sehen zu müssen, nicht zu wissen, dass es tatsächlich geschehen ist, was geschehen ist. Aber es ist wichtig, die Tragweite von Ereignissen zu begreifen, und diese Tragweite transportieren Bilder mit einer ungeheueren Intensität, gerade in einer Zeit, in der Texte flüchtiger, selektiver und weniger reflektierend gelesen werden.

Die öffentliche und brancheninterne Debatte über die Frage, was Medien mit Bildern zeigen sollen und dürfen, scheint mir auch eine Debatte über „Zumutbarkeit“ zu sein. Wir leben, in Deutschland und weiten Teilen des europäischen Kontinents, in einer Zeit jahrzehntelangen Friedens und eines relativ breit verteilten Wohlstands. Krieg und Gewalt, Flucht und Vertreibung, gelten vielen als Kategorien, die weit außerhalb ihrer persönlichen Erfahrung und Betroffenheit verankert sind. Aber jetzt plötzlich stehen die Zeugen von Krieg und Gewalt vor der eigenen Haustüre und zeigen auf, dass Frieden, Sicherheit und Wohlstand nicht naturgegeben sind. Für viele ein Schock.

Wir dürfen nicht vor der Wirklichkeit kapitulieren

Doch Medien müssen ihren Lesern, Zuschauern und Hörern die Konfrontation mit der Wirklichkeit zumuten. Und wenn sie auch noch so schrecklich und erschütternd ist. Niemand kann uns ersparen, wie die Welt wirklich ist. Es geht um eine grundsätzliche Entscheidung: Ansonsten kapitulieren wir vor der Wirklichkeit und geben Gewalttätern die Mittel in die Hand, Untaten im Geheimen zu begehen und ihre Folgen zu verschleiern. Nicht von ungefähr fürchten Diktatoren die Macht der Bilder, die ihre Untaten vor der Welt sichtbar machen und belegen.

Und ansonsten befördern wir auch die bereits offenkundigen Versuche, Sprache und Bilder manipulieren zu lassen, wie dies beispielsweise im letzten Golfkrieg geschehen ist, wo menschliche Opfer als „Kollateralschäden“ und militärische Kampfeinsätze als „chirurgische Schnitte“ bezeichnet wurden. Weil man nichts so sehr fürchtete in Washington, wie ein zweites „Vietnam-Trauma“ im Bewusstsein der US-amerikanischen Öffentlichkeit.

Deshalb ist es die Pflicht von Medien, zu zeigen, was ist. Und letztlich hat das alles auch mit Würde zu tun. Niemand nimmt einem Jungen wie Aylan die  Würde, wenn er zeigt, was ihm geschehen ist. Vielleicht gibt er ihm und seinen Angehörigen sogar ein Teil davon zurück, weil er der Katastrophe mit seinem Bild ein Gesicht verleiht, das sich, wie Medienethiker Alexander Filipovic Spiegel-Online sagte, „in die Netzhaut brennt“.

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s