Als skilled digital adopter gehören Vertreter meiner Altersklasse zur Gruppe der Mediennutzer, die sich das Internet im Laufe ihres Lebens erschlossen haben. Smartphones und Tablets gab es bei uns nicht schon zum Kindergeburtstag. Und meine Eltern sind mir in guter Erinnerung als regelmäßige Zeitungsleser. Das Rascheln beim bedächtigen Umdrehen der Seiten einer mächtigen Wochenendausgabe der Süddeutschen gehört für mich ebenso zum Kopfkino über vergangene Tage wie der Duft des Filterkaffees und frischer Semmeln auf dem elterlichen Frühstückstisch.

Google, Apps und Likes rückten uns erst im Erwachsenenleben auf die Pelle. Auf der payroll der Medienbranche, kam es sicher früher zum Kontakt mit der modernen bunten digitalen Welt, als in der Profession eines Finanzbeamten. Gleichwohl musste sich unsere Altersklasse zweifelsohne erst hineinfuchsen in die Implikationen und Auswirkungen einer sich rasend schnell verändernden Mediennutzung. Bei Lichte besehen ist das gerade mal einen Steinwurf her: läppische 20 Jahre.

„Gib mir die nächste Dröhnung, Theo!“

Keine Frage: Wenn sich „in 15 Minuten die Welt verändern kann“, wie der Hörfunksender Bayern 5 seine im viertelstündigen Rhythmus aktualisierten Top-News legitimiert, kann sich in zwei Jahrzehnten um so mehr die Welt verändern. Keine Überraschung. Da bin ich ganz bei unseren heute 19- bis 25-jährigen, die mit den Augen rollen und sich das Lachen verbeißen, wenn ihnen Papa und Mama von einem gewissen Theo Sommer berichten, der seinerzeit als Chefredakteur und Herausgeber der ZEIT schon mal 350 Zeilen auf der Titelseite ablaichte und ganz selbstverständlich davon ausging, dass die tapfer lesende und politikbegeisterte Welt seine Leitartikel goutierte. Nein, dass sie süchtig danach war: „Gib mir die nächste Dröhnung, Theo!“

Aber, dass heute „alles besser“ sein soll? „Besser“, weil sich das Karussell an Nachrichten und Informationsschnipseln rasend schnell dreht und sich die (Medien-)Welt nicht nur im Viertelstunden-, sondern im Sekundentakt verändert? „Besser“, weil die (Medien-)Welt so schön bunt geworden ist, und Milliarden an statischen und laufenden Bildern Texte begleiten oder ersetzen? Weil „ich mit meinem Smartphone heute jederzeit auf dem Laufenden bin, über das globalisierte Weltgeschehen, über das, was mich wirklich interessiert, über das, was meine Freunde gerade tun, und was sie von Themen halten“, wie ein Studierender im Fach Medienmanagement vor kurzem schrieb und noch eins draufsetzte: „Zeitungen und Zeitschriften dagegen sind mega-out. Was soll ich damit?“

Leser – und keine News-Junkies

„Besser“? Ich weiß es nicht. Anders, ja! Die Nachrichtenbörse dreht sich jedenfalls um vieles schneller. Aber: Der Aufmacher auf SPON, der gerade vor 45 Minuten eingestellt wurde, ist jetzt schon mindestens ebenso alt wie es früher die Abendausgabe der Tageszeitung am kommenden Morgen war. Wickeln wir die virtuellen Fische doch in Zeitungspapier! Und jeder, der einmal in einer Online-Redaktion gearbeitet hat, weiß, wie mürbe und überdrüssig der ständige Zwang zur Aktualisierung machen kann (nicht nur den Online-Redakteur, sondern auch den Durchschnittsleser, der kein News-Junkie ist, wie wir Medienleute es sind).

Ähnlich verhält es sich mit dem Argument, dass uns Social-Media-Kanäle wie Facebook exakt diese Themen präsentieren, die uns interessieren. Wollen wir nicht mehr dazulernen, über den Tellerrand blicken, neugierig auf andere Welten, Stimmungen und Meinungen bleiben? Wollen wir uns nur noch selbst bestätigen – in unseren Haltungen und Neigungen? Und letztlich, sorry: Auch ich liebe meine Freunde, muss aber nicht wissen, wie cool der Cocktail schmeckt, den sie gerade in der Lounge schlürfen, oder wie geknickt sie gerade sind, weil ihr Lieblingsverein das letzte Spiel vergeigt hat. „Gib mir die nächste Drohung, Phoney!?“ Nö.

Der Inhalt muss neugierig machen

Eigentlich kommt es doch nur darauf an, WAS getextet, bebildert, gefilmt, präsentiert, getwittert und gepostet wird. Alles dreht sich nur um den Inhalt (ich weigere mich, „Content is king“ zu nölen, auch wenn’s stimmt). Der Inhalt: Er  muss Interesse wecken, neugierig machen, uns geistig beschäftigen. Dann haben wir gewonnen: als Medienkonsument – und als Publisher. Bullshit dagegen bleibt bullshit, auch wenn er im leuchtenden Kleidchen einer multimedialen App oder als 140-Zeichen-Twitter-Pups daherkommt – oder als „hochseriöser“ Leitartikel eines renommierten Printprodukts.

Der Kulturkampf zwischen „Print“ und „Online/Digital“, der mitunter noch immer in den Gazetten tobt und manchen printaltgedienten Journalisten tief in seiner Ehre kränkt, ist deshalb Nonsens. Auch wir, die Älteren in der Medienbranche, die wir skilled digital adopter und keine digital natives sind, haben die Vorteile digitaler Medien schätzen gelernt. Der Umgang mit multifunktionaler Technik macht höllisch Spaß, die Eroberung neuer Publikationskanäle, mit deren Hilfe wir komplexe Themen zerlegen und variantenreich distribuieren können, ist zweifelsohne ein Fortschritt, der begeistert und allen, die publizistisch tätig sind, wunderbare neue Chancen eröffnet.

Drei W’s: Was, Wem, Wo?

Bei allem aber müssen wir nach wie vor wissen, WAS wir sagen wollen, WEM wir mit unseren Informationen oder Betrachtungen nützen wollen und WO sich derjenige aufhält, der unsere Ergüsse geneigt konsumieren soll. Sprich: Wie viel Zeit hat er für die Lektüre, welchen Medienkanal (-kanäle) nützt er in diesem Zeitraum am liebsten und wie hätte er es denn gerne präsentiert?

Deshalb: Auf das Leseerlebnis kommt es an – und das kann auf elektronischen Trägermedien eine ebenso hohe Qualität erreichen wie in gut gemachten Zeitungen und Zeitschriften. Und umgekehrt.

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