Einem Journalisten und Medienmenschen, einem, der fest davon überzeugt ist, dass vor allem korrekte, attraktive und qualitative Inhalte von Presseerzeugnissen ihr (Über-)Leben legitimieren, einem, der Sprache und das (gedruckte oder digitalisierte) geschriebene und  gesprochene Wort isst und trinkt, rollen sich die Zehennägel auf. Und das tut weh, viel mehr noch als andere Unworte des Jahres: „Lügen-Presse“. Herrje!

Kampf gegen die liberale Presse

Wenn wir in der großen Volkshochschule „Wikipedia“ nachschlagen, lesen wir, dass sich der Begriff erstmals zur Mitte des 19. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum nachweisen lässt. „Lügen-Presse“: Dieser Güllekübel wurde zunächst von konservativen Katholiken über der liberalen Presse entleert, die auf dem Boden der bürgerlichen Revolutionen entstanden war und sich erdreistete, mit Meinungs- und Pressefreiheit Ernst zu machen. Während des Ersten Weltkriegs wurde es der Presse der ehemaligen „Feindstaaten“ entgegen geschleudert, wie die Geschosse aus kaiserdeutschen Haubitzen. Zum schlechthin geflügelten Wort in treudeutschen Sprachgefilden wurde es jedoch erst durch einen der größten Lügner und Wahrheitsverdreher, den die Welt je gesehen hat: Joseph Göbbels. Dieser gebrauchte es tausendfach, gemeinsam mit anderen Schergen der NS-Verbrecherbande, um Demokraten jeglicher Coleur, vor allem aber Juden und das so genannte „Weltjudentum“ mit Hasstiraden zu überziehen.

So. In dieser Tradition bewegen Mann und Frau sich also, wenn er und sie von „Lügen-Presse“ sprechen. Ein Schmähbegriff feiert fröhliche Urständ, seit die Pegida-Bewegung im Herbst 2014 den angeblich drohenden Untergang des Abendlandes auf die Straße brachte.

Auch das gehört zu den Spielregeln

Ein Begriff, der wie ein Bumerang, allerdings mit doppelt so hoher Geschwindigkeit, mit der er geworfen wurde, auf die Schmäher zurückfällt – und ihnen Schmach und Schande bereitet. Denn: Selbstverständlich dürfen sie sagen, was sie denken, selbst wenn die Worte eines Herrn Bachmann Blutgerinnsel im Hirn von Menschen verursachen, die geistig auf der Höhe sind. Nein, Laune macht es nicht, rechtspopulistische und rechtsextreme Pöbeleien, die ihre Wiege in der Mitte der Gesellschaft haben (!), ertragen zu müssen. Aber auch das gehört zu den Spielregeln.

Bei all dem ist richtig, dass „die Presse“ alles andere als unfehlbar ist. Wir Journalisten und „Medienschaffenden“ sorgen nicht selten für Kopfschütteln und Verärgerung. Schlechte und unvollständige Recherchen, Veröffentlichungen ohne Gegenprüfung, interpretierende und subjektiv gefärbte Darstellungen von Themen, die es eher verdient hätten, Hintergründe und Zusammenhänge aufzuzeigen und mit der eigenen Meinung zurückzuhalten. All das gibt es. Häufiger als uns lieb ist. Und es wird um so häufiger auftreten, je größer der Kostendruck auf Redaktionen wird. Journalisten sind keine Künstler, das ist richtig. Sie sind Handwerker. Handwerker des Gedankens und des Wortes, manche unter ihnen auch Kunsthandwerker. Jedenfalls aber geistige Handwerker. Und das verträgt sich nur schlecht mit Akkordarbeit am Fließband, mit einer  industrialisierten Fertigung von beliebigen und austauschbaren Beiträgen.

„Die Presse“ hat Lügen als Lügen entlarvt

Trotzdem: Wo wären gerade unsere westlichen und „modernen“ Gesellschaften ohne die demokratisierende und zivilisatorische Wirkung von Massenmedien? Sie wären stehen geblieben in einer Zeit weit vor der Aufklärung. Sie wären ahnungslos und manipulierbar. Niemand hätte erfahren von Schandtaten in Unrechtsregimen, von Qualen und Leiden von Menschen außerhalb unserer Sicht- und Hörweite. Kein Diktator hätte verjagt, kein Folterer entlarvt werden können. Insofern ist der „Lügen-Presse“ exakt das Gegenteil von dem zu verdanken, das ihr vorgeworfen wird: Sie hat Verharmlosungen, Geschichtsklitterungen und Fälschungen die Maske vom Gesicht gerissen und als Lügen entlarvt. Zahllose Journalisten und Pressefotografen an allen Schauplätzen des Weltgeschehens stehen dafür mit ihrem Namen.

Wie sehr Sprache das Bewusstsein und die gesellschaftliche Wirklichkeit prägt, hat  uns George Orwell in seinem Meisterwerk „1984“ vor Augen geführt. Die manipulative Kraft der Worte kann Flächenbrände entzünden, Menschen versklaven und Leben zerstören. Sie kann Unrecht zu Recht erklären und Falsch als Richtig definieren. Die Mächtigen dieser Welt wussten und wissen darum. Um so wichtiger ist für die Bürger freier Gesellschaften, für Presse- und Meinungsfreiheit zu kämpfen, und sie nicht mit Füßen zu treten.

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